Waldkraiburg – Familie ist nicht nur Vater, Mutter, Kind. Familie, das können auch zwei Brüder sein. Oder sieben Geschwister. Oder die Großmutter allein auf einem Bild. Für die Fotografin Katharina Mayer ist Familie vor allem eines: Heimat.
Seit 17 Jahren verfolgt sie ihr Projekt „Familia“. Dabei entstehen Familienporträts in aller Welt mit Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten. Den Kern bilden Auftragsarbeiten, die zu großen Teilen aus Familien des gehobenen Bürgertums kommen: Unternehmer, Politiker und Künstler rücken dabei sich und ihre Lieben meist zu Hause in ein besonderes Licht.
Viel mehr braucht es an Information zunächst einmal nicht: Alle Arbeiten entstehen zwar unter der Regie der Fotografin, das letzte Wort bei der Wahl der Location, der Kleidung und des veröffentlichten Motivs haben aber die Familien. So ist das Ergebnis Inszenierung und Dokumentation zugleich.
Schon dieses Wissen lässt manches Werk in einem anderen Licht erscheinen. Das Porträt der Familie Bordoli zum Beispiel, das die Besucher der Ausstellung in der Städtischen Galerie „begrüßt“: Vater, Mutter, drei Töchter und ein Sohn im Wohnzimmer eines Kunstsammlers, alle schick herausgeputzt mit High Heels und Krawatte. Es sind die kleinen Details, die das Motiv zu einem Statement und Kunstwerk zugleich machen, was wiederum den Raum zur Interpretation öffnet: die Mimik in den Gesichtern, die kleinen Gesten der Hände, die Auswahl der Garderobe und – nicht zuletzt – die Umgebung mit Möbeln, Gemälden, Requisiten. So bekommen die Familienporträts ihren besonderen, ihren theatralischen Charakter: wirken mal prächtig, mal surreal, mal melancholisch, mal ernsthaft.
Ganz automatisch wächst da der Wunsch, mehr über die Personen auf den Bildern zu erfahren – auch wenn nach einer Führung nichts mehr so ist, wie es war. Der Blick auf das Motiv einer jüdisch-orthodoxen Familie verändert sich, wenn man weiß, dass sich die Frau aus religiöser Überzeugung den Kopf rasiert und auf dem Bild nur eine Perücke trägt.
Inzwischen weitet Katharina Mayer, die an der Kunstakademie Düsseldorf bei Nan Hoover sowie Bernd und Hilla Becher studiert hat, ihre Familia-Idee aus. Gerade bringt die Fotografin und Videokünstlerin ein gleichnamiges Benefiz-Projekt für Flüchtlingsfamilien auf den Weg. Außerdem trifft sie Familien nach Jahren zu einem zweiten Shooting. Die Ausstellung im Haus der Kultur zeigt leider nur ein „Remake“ – Vater und Sohn der Familie Hochleitner, 2006 und heute. Eine interessante Collage, die Lust auf mehr macht. Familienbande im Wandel der Zeit.
Darüber hinaus fehlt es der Werkschau ein wenig an Abwechslung. Heißt: Die Fülle an gut situierten Wohnungen und die Auswahl der inhaltlichen Schwerpunkte rückt das zugängliche Thema der Familienporträts für manchen Besucher in weite Ferne und schafft zu viel Distanz. Wunderbare Ausnahme: Ein großformatiges Bild mit Roma-Frauen. Katharina Mayer hat den Clan auf der Königsallee in Düsseldorf in einen Brunnen platziert. Ein Motiv mit einer klaren Botschaft.
Dennoch lohnt es sich natürlich, der „Familienbande“ auf den Grund zu gehen – sei es in Form eines persönlichen Gedanken-Rollenspiels bei einem Rundgang, sei es bei einer Führung oder der Teilnahme an dem bemerkenswerten Rahmenprogramm. Am Ende ist der Blick geschärft – auch auf die eigene Familie. Wie sie wohl auf einem Mayer-Porträt aussehen würde?