Mühldorf – New York, London, Mühldorf-Süd? „Wenn die Location stimmt, ist es ganz egal, wo du bist.“ Und für Norbert Schoerner stimmt die „Location“. Auch deshalb, weil in diesem speziellen Fall der – zugegeben – überschaubare Weltstadt-Charakter am Inn keine Rolle spielt. Tiefgaragen sehen schließlich überall gleich aus. In New York, London, Mühldorf-Süd.
Hier, auf der Baustelle eines Wohnblocks in der Traunstraße, zeigt der 51-jährige Fotograf nur noch heute von 16 bis 20 Uhr eine Auswahl seiner Bilder – tief unter der Erde, zwischen kaltem Waschbeton und einem Dutzend Deckenstützen, beleuchtet von einfachen Baustrahlern. Nichts lenkt ab von den Landschaften und Porträts im Format DinA0. Der leichte Öl-Geruch der Heizung vielleicht? „Nein“, sagt Schoerner, „passt zur Atmosphäre“.
16 Fotografien aus den letzten 25 Jahren hat er für diese kleine Sonderausstellung ausgesucht, für die die ganze Familie anpackt. Es ist ein Querschnitt seiner Arbeit aus aller Welt. „Vielleicht ein erster Schritt zur Retrospektive, auch wenn es dafür noch zehn Jahre zu früh ist“, sagt Schoerner. Dass er diesen ersten Schritt ausgerechnet in Mühldorf macht, macht Sinn. Hier liegen seine Wurzeln, hier ist er geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. Hier hat er den Plan gefasst, Filmregisseur zu werden. Hier hat er ihn wieder verworfen. „Mit 18 habe ich mich mit ein paar Freunden und einem Team aus München an einem ambitionierten Kurzfilm versucht. Das Projekt ging voll in die Hose.“ Die Geschichte über einen Tankwart wurde nie ganz fertig. „Das Budget lief komplett aus dem Ruder.“
Also heuerte Schoerner als Praktikant an – und lernte im Fotostudio Sahlstorfer in Waldkraiburg, worin der Unterschied zwischen Hobby- und professioneller Fotografie besteht. „Ich wollte auf alle Fälle weiterhin etwas Visuelles machen. Aber etwas, bei dem ich mich nur auf mich selbst verlassen musste.“ Die Filmerei, das war ihm zu viel Teamwork, zu viel Planung abseits des Produkts.
Dem Praktikum in Waldkraiburg folgte eine große Reise: vier Monate Nordamerika und Mexiko, die Canon-Spiegelreflex – ein Geschenk der Eltern zum Abitur – immer griffbereit. Nach seiner Rückkehr verbrachte Norbert Schoerner zwei Monate zu Hause im Keller in der Dunkelkammer, um sich ein Portfolio zusammenzustellen. „Da wussten meine Eltern, dass ich es ernst meine mit der Fotografie. Und ließen mich einfach machen.“
Eineinhalb Jahre jobbte Schoerner dann als Assistent bei einem Werbefotografen in München. „Das war praktisch meine Lehrzeit. Eine klassische Ausbildung oder gar ein Studium hatte ich nie im Sinn. Ich war jung und vielleicht ein wenig naiv.“ Doch genau das war sein Glück. Denn immer noch jung und immer noch ein wenig naiv packte Schoerner 1989 zwei Koffer und machte sich auf nach London. „Dort war die Szene der Musik- und Stylemagazine. Da musste ich einfach hin.“ Sein großes Ziel: Das Kultur- und Zeitgeistmagazin „The Face“, für das damals schon Vorbild Juergen Teller fotografierte.
Schoerner schlief die ersten Wochen in London bei einem Freund auf der Couch – und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Zufällig lernte er tatsächlich den Art Director von „The Face“ kennen und drückte ihm sein Portfolio in die Hand. „Als ich es dann an der Rezeption des Verlags wieder abholte, lagen dort 100 Portfolios. Jeder wollte für ‚The Face‘ Bilder machen.“ Doch nur er bekam den nächsten Job: Ein Fotoshooting mit der Band „Sugar Bullet“. „Nichts ganz Großes“, sagt Schoerner. „Aber immerhin. Und hey, es war ‚The Face‘. Ziel erreicht.“ Und doch noch lange nicht am Ziel.
Schoerner baute sein Portfolio aus, hielt sich mit Shootings für Plattenfirmen über Wasser – und schaffte zwei Jahre später den Durchbruch. Von einer Fotosession in Japan brachte er das Bild einer jungen Geisha mit Kaugummiblase mit – „The Face“ nahm es im April 1993 auf den Titel.
Es folgte der erste lukrative Werbe-Auftrag: Für den Sportartikelhersteller Nike fotografiert Norbert Schoerner im Vorfeld der Weltmeisterschaft 1994 die Fußballstars dieser Zeit: Andi Möller, Bebeto, Paolo Maldini. Im Schlepptau ein Team aus 30 Mitarbeitern. „Nun musste ich doch delegieren und lernen, die ständigen Probleme zu lösen.“ Auch im Umgang mit den Stars. „Es geht um diesen einen Moment, den es einzufangen gilt. Dafür braucht es viel Gefühl. Und die Gabe, sich auf das Model einzulassen. Um Brücken zu bauen oder Distanz zu halten. Und vor allem braucht es Zeit.“ Die meistens knapp ist.
Karl Lagerfeld zum Beispiel hatte 2012 gerade einmal 20 Minuten für das Schoerner-Shooting. „Und schon wieder tausend Termine im Kopf. Wir gingen kurz in den Park, plauderten über die Kirschblüte. Das hat ihn entspannt.“ Und doch hat das Bild mit dem Modeschöpfer, das für das „ID magazin“ in Tokio entstand, etwas statuenhaftes. Im Gegensatz zu dem Foto von Quentin Tarantino: Ein Schoerner-Frühwerk aus dem Jahr 1994. „Wir verbrachten zusammen einen halben Tag. Und er fand es gut, dass ich eben kein Revolver-Foto à la ‚Reservoir Dogs‘ wollte.“ Das Ergebnis: ein starkes Motiv mit cineastischem Charakter.
Das spannendste Shooting? Schoerner überlegt. „Weniger ein Shooting als eine ganze Phase.“ Die Prada-Phase. Zwei Jahre lang fotografierte der Mühldorfer Ende der 1990er-Jahre exklusiv für das Modelabel. Es war Traum und Alptraum zugleich. „Ein Traum, weil es praktisch keine Grenzen gab und mich in Sachen Kreativität und Motivation auf ein ganz anderes Level gepusht hat. Ein Alptraum, weil über Nacht Konzepte und Shootings über den Haufen flogen, für die man wochenlang gearbeitet hatte. Kommerz hat seinen Preis.“
Vielleicht auch ein Grund, warum die Modefotografie für Norbert Schoerner immer mehr in den Hintergrund rückt. „Ich bin ein narrativer Mensch, meine Bilder sollen auch etwas erzählen.“ Neben den Shootings für prominente Magazine wie „Vogue“, das „Zeit Magazin“ oder das „NY Times Magazine“ widmete er sich anderen Projekten. Drei Bücher hat Schoerner inzwischen veröffentlicht, zuletzt „Nearly Eternal“ mit Aufnahmen zum Thema „Food Art“.
Diesen Weg will der Star-Fotograf weiter gehen. „Alle drei Jahre ein Buch. Und dann ist da ja noch immer der Plan, einen Film zu machen.“ Das Manuskript liegt schon lange in der Schublade, wird ständig überarbeitet. Mit einem Kurzfilm feierte Norbert Schoerner 2014 in Cannes Premiere – immerhin. „Man muss eben hartnäckig sein.“ Dass er das kann, hat er schon einmal bewiesen. Als er seine Heimat in Richtung London verlassen hat – und sich übrigens noch „Schörner“ schrieb. Aus dem Fokus verloren hat er Mühldorf aber nie. Auch nicht die Tiefgaragen.
Eine Auswahl seiner Bilder zeigt Fotograf Norbert Schoerner noch am heutigen Samstag im Wohnpark in der Traunstraße 12 in Mühldorf von 16 bis 20 Uhr.