Mühldorf – Der Mond scheint heimlich durch einige verirrte Wolken. Langsam kühlt die aufgeheizte Stadt ab, angeführt von einer frischen Brise, die vom Pazifik durch die Straßen und Gassen von Buenos Aires schleicht. Ein junger Matrose, heimgekehrt von einer langen Seereise, wandelt mit dieser Brise durch die Straßenzüge. Die Taschen gefüllt mit Geld von der letzten Heuer sucht er sein Glück in einer der Bars dieser Metropolstadt. Seine Schritte führen ihn in eine Bar, aus der melancholische Tangomusik erklingt. Die Luft ist mit Zigarrenrauch geschwängert, einige ältere Herren diskutieren beim Würfelspiel. Und an der Bar sitzt eine argentinische stolze Schönheit mit schwarzem Haar, die eben auf einem jungen Mann hofft, der ihr die Zeit vertreibt.
Solche Bilder entstehen, wenn man ein Tango-Konzert von „Quadro Nuevo“ besucht. Im Mühldorfer Stadtsaal zelebrierte das Quartett den Tango einmal mehr in all seinen Facetten – melancholisch, leidenschaftlich, hingebungsvoll. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Denn schließlich machte sich die Gruppe 2014 auf nach Buenos Aires, um den Tango ganzheitlich aufzusaugen, zu inhalieren. Einiges konnten sie mitnehmen, von ihrer Expedition. Zum einen die Erkenntnis, dass richtiger Tango auf einem Bandoneon und nicht auf Akkordeon gespielt wird, was Andreas Hinterberger vortrefflich demonstrierte. Zum anderen aber auch den Tango „Gallo Ciego“, den ihnen Gitarristen bei einem Besuch in einem Tanzsaal vorspielten.
Doch am wertvollsten durfte wohl das argentinische Lebensgefühl sein, das seitdem in ihre Musik einfließt. So interpretiert Mulo Francel an Klarinette, Saxofon und Bassklarinette die Melancholie durch äußerst weiches, fast säuselndes Spiel, um kurz darauf die Großstadt-Hektik durch Spritzigkeit zu verkörpern. Dies kam vor allem bei „Buenos Aires Taxi Drive“ zum Ausdruck, den Bassist D. D. Lowka aus seinen Taxierlebnissen komponierte. Oder auch in „El Titiritero“ („Der Puppenspieler“) von „Quadro Nuevo“-Pianist Chris Gall. Es geht um all die Höhen und Tiefen im Leben eines Puppenspielers – ein philosophisches Werk. Die Tristesse an einer Straßenecke zu stehen, kaum beachtet von den vorbeiziehenden Passanten, dann aber auch die Genugtuung durch die Puppen in eine andere Rolle zu schlüpfen – und sei es auch, um nur ein Herz zu berühren.
Es war ein lyrischer und leidenschaftlicher Streifzug durch die emotionale Welt des Tangos, den „Quadro Nuevo“ im Stadtsaal bot. Mehr als passend das Schlussstück „Vuelvo al Sur“, bei dem zum Ende hin Mulo Francel bei immer mehr gedämmten Licht leiser werdend die Melodie pfiff. Und wieder kommt einem der Matrose ins Gedächtnis, der sich nach einer wundervollen Nacht leise pfeifend durch die Gassen von Buenos Aires seinen Heimweg bahnt.