Jammern auf geistreichem Niveau

von Redaktion

Stefan Waghubinger wirft im Haberkasten einen melancholischen, hintersinnigen Blick auf unsere Zeit

Mühldorf – Mama, Papa, Tochter sitzen am Tisch. „Papa, hast du mich lieb?“, fragt die Tochter. „Fang du nicht auch noch damit an“, lautet die Antwort des Vaters. Diese Szene stammt aus einem Cartoon, einem Erziehungsratgeber für Väter (und Männer), aus dem der Kabarettist und Buchautor Stefan Waghubinger als Zugabe vorlas.

Der stand am Samstagabend auf der Bühne im Haberkasten, wo er leicht verplant und betont langsam auf der Bühne vor sich hin plauderte. Das Thema, das den roten Faden durch sein Programm spinnt, ist seine Steuererklärung, wobei er über den Eintrag seines Geburtsdatums und das seiner Frau, bei dem ihm auch noch ein Fehler unterläuft, nicht hinauskommt. Da hilft es auch nicht, wenn Sigmund Freud den Menschen in drei Einheiten einteilt: das Ich, das Es und das Über-Ich: „Das sind so Theorien. In der Praxis nützt einem das auch nichts, wenn keiner der drei Lust hat, die Steuerklärung zu machen.“ Waghubinger-Humor.

So schauen ihm die Zuschauer 90 Minuten lang dabei zu, wie er versucht die Kästchen in dem Formular zu setzen. Aber statt in die Puschen zu kommen, schweift er immer wieder ab, verliert sich in vordergründig subtile Geschichten, die oft in einer hintersinnigen Pointe enden. Jammern auf geistreichem Niveau.

Wie kompliziert politisch korrekte Kindererziehung sein kann, erklärt er etwa am Beispiel seiner Tochter, die „nicht richtig“ mit Barbie und deren Accessoire Ken spielen kann. Dass Ken vorausgeht und Barbie zwei Koffer hinterherträgt, geht gar nicht: Man sei ja schließlich nicht in der arabischen Welt. Nachdem beim Spielen Ken in einen Eimer mit dunkler Holzlasur gefallen und fortan schwarz ist, erscheint dem Vater das Spiel aber auch nicht stimmig: „Wie sieht das denn aus?“ fragt der Kabarettist: Ein Blondie schreitet voraus und ein Schwarzer trägt die Koffer hinterher. Kindererziehung ist halt kompliziert.

Waghubinger wirkt auf der Bühne ein wenig wie der unbedarfte Kommissar Columbo – ohne Mantel, dafür mit einem Hemd und lockerer Krawatte, an der er verunsichert rumzupft. Er wird nie laut, ausfallend oder hampelt umher. Mal sitzt er auf dem Tischrand, mal auf dem Stuhl, geht vom Bühnenrand zum Wasserkocher, der auf dem Bistrotisch steht, und dann wieder zurück zum Tisch. In harmlosem, manchmal fast einlullerndem Plauderton streut er dabei seine geistreichen und wortwitzigen Geschichten. Political Correctness ist bei Waghubinger frei übersetzt: „Man muss aufpassen, dass man seine Meinung nicht falsch ausspricht.“

Dabei springt er von einem Thema zum nächsten, von den romantischen Ansprüchen seiner Ehefrau, denen er nicht gerecht werden kann, zu Ameisenhügeln im Garten, die er regelmäßig niedermäht. Er kommt vom Wasserkocher auf die Ehefrau, bei der er auch nur auf das richtige Knöpfchen drücken muss, damit sie kocht – vor Wut.

Zum Glück lebt sein Programm nicht von solch schnellen Lachern, sondern von den Fragen nach dem großen Ganzen. Was ist Freiheit? Wann ist Zukunft? Da ist es fast zwangsläufig, dass der studierte Theologe auch auf der Bühne ein Telefonat mit Gott ins Programm einbaut. Am Ende heißt es: „Es ist ja wie in der Beziehung, ich bin da, du bist da, wir wissen nicht warum, aber es muss mal was gewesen sein.“

Ein melancholisches Programm, das zwar wenig brausenden Zwischenapplaus beschert, aber dennoch Spuren hinterlässt.

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