Mühldorf – Es gibt Türen, die sich öffnen und nicht wieder schließen. Manchmal verbirgt sich dahinter Aufregendes, Spannendes oder auch Irritierendes. Dass es durchaus lohnenswert ist, sich immer wieder auf diese neuen, ungewöhnlichen Situationen einzulassen, bewies das Gastspiel von Stefanie Boltz und ihrer Band im Mühldorfer Haberkasten. Die neue CD des Quartetts heißt – wie könnte es in diesem Fall anders sein – „The door“ („Die Tür“) und bietet Musik, die unter die Haut geht: leidenschaftlich, mitreißend und unwiderstehlich.
Die Songs auf der im Januar erscheinenden Veröffentlichung stammen allesamt aus der Feder von Stefanie Boltz. Die Münchnerin ist eben nicht nur eine exzellente Sängerin, sondern auch eine großartige Songwirterin. Ihre Kompositionen sind eingängig – mal feinfühlig und sentimental, mal kraftvoll und energiegeladen. Gegen diese geschmeidige Mischung aus pulsierendem Jazz, prickelndem Blues, kribbelndem Folk und ideenreichem Pop ist jeder Widerstand zwecklos.
So nuancenreich und dynamisch wie die Musik von Stefanie Boltz ist ihre glasklare, unverwechselbare Stimme. Diese hat nicht nur ein gewaltiges Klangvolumen, sondern ist zudem extrem variantenreich und wandlungsfähig. Die anmutige Sängerin prägt jeden Song zu einem Klanggebilde aus; mal frech und mit aufregender Laszivität, mal feinfühlig und geradezu zerbrechlich, mal mit atemberaubender Ausdruckskraft und unbändiger Energie. Überströmend vor Temperament durchlebt sie Melodie und Rhythmus mit jeder Faser ihres Körpers. Das ist Gesang mit allen Sinnen und einfach nur famos!
Boltz‘ großartig besetzte Band steht der faszinierenden Sängerin indes in nichts nach. Alle drei Musiker begeistern durch ihre immense musikalische Vielseitigkeit. Mit betörender Leichtigkeit sorgt Sven Faller am E-Bass für kernigen Basssound und knisternden Groove. Wohltuend unaufgeregt wirkt Tilman Herpichböhm, wenn er – tiefgründig lächelnd und mit geschlossenen Augen – gewandt mit Trommelstöcken, Paukenschlegeln und Jazzbesen sein Schlagzeug „bearbeitet“ und ihm facettenreich immer wieder neue, eigenwillige Klangfarben entlockt. Und Martin Kursawe entführt die Besucher mit seinen technisch hoch versierten Soli auf Dobro und Akustikgitarre auf eine intensive, klanggewaltige Reise. Für die drei ausgezeichneten Musiker gab es immer wieder spontan Szenenapplaus.
Gekrönt wurde der außergewöhnliche Konzertabend im Haberkasten durch die einfühlsame Interpretation des Beatles-Klassikers „Here comes the sun“ von Boltz und Faller: minimalistisch, nur mit atemberaubender Stimme, virtuosem Kontrabass sowie vier rhythmisch agierenden Händen und Füßen. Schade nur, dass sich nur wenige Zuhörer in Mühldorf eingefunden hatten. Die vier kongenialen Musiker hätten deutlich mehr Publikum verdient. Pech, für alle, die nicht dabei waren: Wer dieses Gastspiel verpasst hat, hat definitiv etwas verpasst. Tür…zu!