Altötting – Die Tatsache, dass Georg Friedrich Händel seinen „Messias“ in der unfassbar kurzen Zeit von 24 Tagen schrieb, hat die Musikfreunde immer wieder erregt, doch keiner hat ihr eine erregtere Darstellung zuteil werden lassen als Stefan Zweig in seinen „Sternstunden der Menschheit“.
Drei Wochen lang war Händel nach dieser dichterisch freien Schilderung wie von Sinnen. „Denn er vermochte nicht innezuhalten, es war wie eine große Trunkenheit über ihm. Wenn er aufstand und durch das Zimmer ging, laut singend und taktierend, blickten seine Augen fremd; wenn man ihn ansprach, schrak er auf, und seine Antwort war ungewiss und ganz verworren.“ Danach schlief er, Zweig zufolge, 17 Stunden durch. Als er wieder wach war, aß er wie ein Drescher, und als er des vom Diener geholten Doktors ansichtig wurde, „begann er zu lachen, es wurde allmählich ein ungeheueres, ein schallendes, ein dröhnendes, ein hyperbolisches Lachen“. Der Doktor, ein gewisser Jenkins, konnte da nur staunen: „Hol‘ mich dieser oder jener!“
Auch wenn die Kompositionsgeschichte des „Messias“ gern unter der Marke „Gluthitze der Inspiration“ kolportiert wurde, war ihr Geheimnis doch kein anderes als das von Händels in der Tat aberwitzig schneller Arbeitsweise. Nachdem ihm Charles Jennens das Libretto gebracht hatte, nahm Händel am 22. August 1741 die Arbeit auf. Am 28. August schloss er den ersten Teil ab, am 6. September den zweiten und am 12. September den dritten; nimmt man das Ausschreiben der Mittelstimmen hinzu, benötigte er 24 Tage. Händel war nebenbei nicht der Mann, ins Ungefähre hineinzukomponieren, und so gab es auch für den Elan bei diesem himmlischen Werk einen höchst irdischen Beweggrund, nämlich die Einladung durch den Vizekönig von Irland, William Cavendish. Die Uraufführung am 13. April 1742 war ein gewaltiger Erfolg. Das Dublin Journal nannte den „Messias“ das vollendeteste Werk der Mu-sikgeschichte, „the most finished piece of Music“, und fand im Übrigen, dass mit Worten nicht ausgedrückt werden könne, welchen Zauber das erhabene Oratorium ausgeübt habe. Wie dieser Zauber in einem Einzelfall wirkte, belegt die Reaktion von Reverend Patrick Delany. Dieser Geistliche war von Susanna Maria Cibbers Gesang derart überwältigt, dass er sich von seinem Sitz erhob und ausrief: „Frau, dafür seien dir alle deine Sünden verziehen.“
Ob unter den Sängerinnen und Sängern des Altöttinger Bach-Chors welche sind, die insgeheim auf diesen Effekt spekulieren, muss geheim bleiben, doch dass sie mit einer neuerlichen Aufführung des „Messias“ den hiesigen Musikfreunden ein geistliches Vergnügen bereiten wollen, ist alles andere als ein Geheimnis. Vor genau vier Jahren hat der damals erst ein paar Monate alte Chor Händels Oratorium in der Stiftspfarrkirche überzeugend und begeisternd präsentiert. Nun kommt es am Samstag, 28. Oktober, um 17 Uhr im selben Gotteshaus zu einer Wiederaufnahme, die das Werk freilich in etwas anderer Form als damals darbietet. Ohne das theologische Konzept der Komposition anzutasten, hat Dirigentin Susanna Mette Striche vorgenommen – die Aufführungsgeschichte des „Messias“ rechtfertigt dieses Verfahren.
Der Bach-Chor singt den „Messias“ auf Englisch und hat wiederum das Ensemble Classical Barock zu Gast, ein Orchester, das auf alten In-strumenten in alter Stimmung musiziert. Mit der Altistin ist man noch im Gespräch, ansonsten werden die Solopartien von Rosmarie Kassis (Sopran, Laufen), Franz Krähschütz (Tenor, Altötting) und Nils Stäfe (Bass, Staatstheater Cottbus) bestritten.
Karten gibt es bei den Geschäftsstellen des Alt-Neuöttinger Anzeigers.