Unbequeme Wahrheiten

von Redaktion

Dreieinhalb Stunden fesselt Hagen Rether im Haus der Kultur das Publikum – mit Inhalten

Waldkraiburg – Kabarettisten müssen sich nicht mit jedem Programm neu erfinden. Der beste Beleg dafür ist Hagen Rether, der seit über 15 Jahren mit seinem Programm „Liebe“ auf der Bühne steht, besser gesagt sitzt. Das funktioniert zumindest dann, wenn man wirklich etwas zu sagen hat. Der Stoff geht ihm nicht aus, weil Politik, Gesellschaft und Wirtschaft stets neues Material liefern, das er wirkungsvoll seziert.

Dabei verzichtet Rether auf gängige Politikerschelte. Was „die da oben“ machen, könne man in jeder Tageszeitung nachlesen. Aber dass sich jeder Einzelne lieber in eine „ohnmächtige Opferrolle reinkuschelt“, und gerne über „die da oben schimpft“ anstatt sich aus seiner Komfortzone zu bewegen – genau das ist sein Thema.

So sitzt er tiefenentspannt auf einem Bürostuhl, spielt mit den Armlehnen, und berieselt mit stets wohltarierter Stimme, manchmal sogar im Flüsterton, mit seinen unbequemen Wahrheiten die Zuhörer. „Immer ist jemand Schuld – Merkel, Banker, Bischöfe, nur man selbst nicht“, spricht Rether. Eine Haltung, mit der der Kabarettist nichts anfangen kann. „Wir wissen alles, wir können alles, aber wir tun nichts.“ So vernichten die Menschen sehenden Auges ihren Planeten und jammern dann: „Du kannst aber nicht dein Leben lang Fleisch essen und dann für die Gicht deinen Metzger anzeigen.“

Wer sich jetzt fragt: „Wo bleibt da der Witz? Hören sich das nur masochistisch veranlagte Menschen an?“ Mitnichten: Rether versteht sich darauf, charmant, schelmisch, intelligent und äußerst sprachgewandt die schwere Kost zu verpacken. Dabei kommen dann Sätze raus wie: „Statt erwachsen zu werden, klammern sich die Menschen an das Schnitzel, wie der Ertrinkende an das Senkblei.“

Überhaupt Sprache: Rether fragt sich, wie sich wohl ein Apache, der ein trostloses Dasein in einem Reservoir fristet, fühlt, wenn Militärs einen Kampfhubschrauber nach ihm benennen. Da müsse sich wohl jemand einen dialektischen Spaß erlaubt haben. Manchmal zweifelt aber auch er daran, dass die Menschen jemals fähig sein werden, miteinander zu kommunizieren. Wie auch, bei den kulturellen Unterschieden: „Hier werden Hunde frisiert, in Asien frittiert!“ Und immer wieder kommt er auf das Thema Flüchtlinge. „Wir müssen Menschen retten, nicht Banken. Flüchtlinge schützen, nicht Grenzen.“ Aber die Angst vor dem Fremden treibe merkwürdige Blüten, bei der den Menschen die Wertschätzung abhandengekommen sei. Obendrein würden Flüchtlinge unsere „Gummiethik“ nicht verstehen. Erst Facharbeiterausbildung, dann Flucht – nicht umgekehrt. Steht das nicht auch so in der Genfer Flüchtlingskonvention? Umso wichtiger ist es, dass man Wählen geht: „Wählen ist wie Zähneputzen, wenn du es nicht machst, wird’s braun.“

„Du kannst aber nicht dein Leben lang Fleisch essen und dann für die Gicht deinen Metzger anzeigen.“

Hagen Rether

Sein Programm spickt er mit viel Selbstironie: „Ich finde es toll, dass Sie sich das alles anhören.“ Dreieinhalb Stunden geht das so. Auf dem Flügel liegen Bananen, die er in der zweiten Halbzeit mampft und dabei erklärt, warum Fleischessen ein Wahnsinn ist. Das Konzept Biobanane übrigens auch. Er selbst ist Veganer.

Rether ist alles andere als rückwärtsgewandt oder technikfeindlich. Das Internet etwa hält er für eine großartige Erfindung, für die nur leider der einfach gestrickte Mensch nicht bereit ist: „Das ist so, als würde man einem Neandertaler ein Lichtschwert in die Hand geben.“

Und das Publikum? Das wirkt ein bisschen wie eine Schicksalsgemeinschaft. Es lauscht mucksmäuschenstill dreieinhalb Stunden seinen Ausführungen. Als würde ihnen jemand aus der Seele sprechen und alle denken – er hat ja so recht.

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