Aktuelles Interview: Dr. Dirk Rotthaus

„Ein ewiges Denkmal für meinen Großvater“

von Redaktion

Ein schlichtes Telegramm aus dem Jahr 1943 ist Ausgangspunkt für die bewegendste Geschichte im neuen „Mühlrad“. Dirk Rotthaus schreibt über den Euthanasie-Mord an seinem Großvater Paul Rotthaus, der in der Behindertenanstalt Ecksberg verhungerte.

Haben Sie Ihren Großvater noch kennen gelernt?

Es gibt ein altes Familienfoto, auf dem mein Großvater, meine Eltern und ich zu sehen sind. Es entstand im Juni 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt in Hausen, also wenige Monate vor seinem Tod in Ecksberg. Ich war damals rund ein Jahr alt und sitze im Kinderwagen, habe also keine Erinnerung an meinen Großvater. Aber er hat mich noch gesehen.

Woher kommt das Interesse an seiner Geschichte?

Man muss vielleicht vorausschicken, dass über meinen verstorbenen Großvater zu Hause praktisch nie gesprochen wurde. Ich wusste, dass er 1880 in Solingen geboren wurde und dass er im Ersten Weltkrieg eine schwere Hirnverletzung erlitten hatte, woraufhin er später mehrere Jahre in Heil- und Pflegeanstalten verbrachte. Und dann gab es da noch dieses Telegramm aus Ecksberg aus dem Jahr 1943, das meiner Mutter den Tod ihres Vaters mitteilt. Aber mehr war da nicht. Erst im Ruhestand habe ich damit begonnen, unsere Familiengeschichte aufzuarbeiten. Inzwischen ist die vierte Auflage unseres Familienbuchs mit über 600 Seiten fertig. In diesem Zusammenhang habe ich mich natürlich auch für die Biografien meiner Großeltern interessiert – und hatte auch ein wenig Glück.

Inwiefern?

Auf dem Schreibtisch meiner Tochter lag ein Buch von Ernst Klee über die „Euthanasie im NS-Staat“, in dem ich ein wenig geblättert habe und dabei zufällig auf den Namen Ecksberg stieß. Da erinnerte ich mich an das Telegramm und begann zu recherchieren. Im Internet entdeckte ich auf der Seite der „Geschichtswerkstatt Mühldorf“ von Elke und Günther Egger, dass auch Patienten aus Ecksberg dem Euthanasie-Erlass Hitlers zum Opfer fielen. Daraufhin habe ich die ersten Anfragen verschickt.

An wen?

Das war eine ganze Reihe von Einrichtungen und Archiven: Von der Gedenkstätte im österreichischen Schloss Hartheim und dem Psychiatriemuseum Haar über das Archiv des Bezirks Oberbayern bis hin zur Stiftung Ecksberg. Nachdem sich der Name meines Großvaters im Eingangsbuch der Anstalt Eglfing-Haar fand und mir die Stiftung Ecksberg die Verlegung im Jahr 1943 bestätigt hatte, entstand nach und nach ein Bild vom Lebens- und Leidensweg meines Großvaters. So hatte er in der Behindertenanstalt Tannenhof in Remscheid die erste Phase des Euthanasieprogramms noch unbeschadet überstanden. Im Zuge meiner Nachforschungen habe ich mich deshalb auch immer mehr mit dem Thema Euthanasie im Allgemeinen beschäftigt, was sich nun auch in den ersten Kapiteln meines Mühlrad-Aufsatzes widerspiegelt, obwohl mein Ziel nie eine Veröffentlichung war, sondern stets der Fokus auf der Geschichte meiner Familie lag.

Inzwischen steht der Name Rotthaus in der NS-Ausstellung im Mühldorfer Haberkasten dennoch stellvertretend für die Opfer der zweiten Phase der Euthanasie in der Behindertenanstalt in Ecksberg.

Ja, auch das ist letztlich eine glückliche Fügung. Nach Abschluss meiner Recherchen hatte ich den Text über meinen Großvater an die Stiftung Ecksberg geschickt. Stiftungsleiter Dr. Alexander Skiba gab ihn wiederum an Marc Spohr weiter, der die Ausstellung im Haberkasten entwickelte. Und der rief mich eines Tages an. So kommt es, dass das Telegramm an meine Mutter heute im Museum liegt.

Wie sehr haben Sie die Recherchen über Ihren Großvater emotional berührt?

Dadurch, dass ich ihn nicht mehr kannte, hielt sich die persönliche Betroffenheit in Grenzen. Was mich vielmehr berührt hat, war die Frage, was meine Eltern wussten und warum sie in all den Jahren danach geschwiegen haben. Heute glaube ich, dass meine Mutter zwar vielleicht Zweifel an einer natürlichen Todesursache ihres Schwiegervaters hatte; die Umstände aber keinen anderen Weg zuließen. Mein Vater war im Krieg, meine Mutter holte damals den Sarg alleine in Altmühldorf ab. In Solingen wurde er dann beigesetzt. Damit war das Kapitel für sie wohl abgeschlossen.

Sie haben es nun fortgeschrieben.

Ja, mir war wichtig, dass mein Großvater und all die anderen Opfer der „wilden Euthanasie nicht in Vergessenheit geraten. Ich war im ersten Augenblick schon sehr enttäuscht darüber, als ich herausfand, dass fast 70 Jahre nach dem Krieg noch immer keine Gedenktafel in Ecksberg an die Euthanasie-Opfer erinnerte. Dass meinem Großvater nun in der Ausstellung und im Mühlrad ein ewiges Denkmal gesetzt wird, ist in meinen Augen eine schöne Geschichte.

Zur Person: Carl Paul Rotthaus

Carl Paul Rotthaus kam am 19. Juli 1880 in Solingen zur Welt und erlitt im Ersten Weltkrieg eine Hirnverletzung, die zu einer traumatischen Epilepsie führte und ab 1939 eine Aufnahme in eine Heil- und Pflegeanstalt erforderlich machte. Er kam zunächst in die Anstalt Tannenhof in Remscheid-Lüttringhausen, wo er die erste Phase des NS-Euthanasieprogramms unbeschadet überstand. Im Januar 1943 wurde er nach Hausen verlegt, bis auch diese Anstalt wenige Monate später zur Bereitstellung von Betten für die Bombenkriegsopfer geräumt werden musste. Im Juli 1943 kam Carl Paul Rotthaus in die Behindertenanstalt Eglfing-Haar. Die Anstalt unter Leitung von Dr. Hermann Pfannmüller spielte eine zentrale Rolle bei der sogenannten „wilden Euthanasie“. Pfannmüller ordnete und überwachte nach heutigem Stand auch die Ermordung der Patienten in der Anstalt Ecksberg, in die Carl Rotthaus im August 1943 verlegt wurde und in der er laut Enkel Dirk Rotthaus „durch gezielten Nahrungsmittelentzug ermordet wurde“. Carl Rotthaus starb am 4. November 1943.ha

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