Porträt der Woche

Der Figurenmacher

von Redaktion

Simon Spagl malt, schnitzt und formt in seiner Mühldorfer Werkstatt Tiki-Kunst

Mühldorf – Vielleicht sind es ja die Gene des Urgroßvaters, die Simon Spagl antreiben. Die seine Hände führen, wenn sich die Motorsäge in den Holzblock frisst. Die die Finger leiten, wenn sie seinen Figuren den letzten Schliff verpassen. Als Schiffszimmerer stand Urgroßvater Spagl einst in Lohn und Brot, von ihm könnte also die Leidenschaft für das Handwerk kommen. Und das Interesse für die Kunst? „Vielleicht vom Großvater, der Professor an der Universität der Bildenden Künste in Berlin war.“

Beste Voraussetzungen also. Und doch ist Simon Spagl weit davon entfernt, sein Hobby zum Beruf zu machen. „Vielleicht müsste ich es einfach wagen, vielleicht mich einfach besser vermarkten. Aber vielleicht würde mir dann einfach auch der Spaß verloren gehen.“ Gene hin, Gene her: Der Spaß treibt ihn an, in seiner Freizeit Tiki-Figuren zu schnitzen. Und der Wunsch mit den Händen etwas bleibendes zu schaffen.

Schnitzerein mit Äpfeln und Karotten

Schon als kleiner Bub schnitzte Simon Spagl lieber Figuren in Äpfel und Karotten statt sie einfach in den Salat zu schneiden. „Das mache ich heute noch, wenn mich eine Idee packt und gerade kein kleines Holz für ein Modell da ist. Und wenn nichts draus wird, greife ich wenigstens ein paar Vitamine ab.“

Die Kinderschnitzereien und das handwerkliche Talent verlangten nach einer soliden Ausbildung. In München absolvierte Simon Spagl seine Schreinerlehre. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche ging er auf Jobsuche. Wurde fündig auf einer Werft in Hamburg und zog zwei Monate lang als Wanderarbeiter durch Irland. Ein Besuch bei der Tante in Neuseeland öffnete ihm dann vor zehn Jahren die Augen für polynesische Kunst. Seitdem lassen ihn die Tiki-Formen und -Figuren nicht mehr los. „Es ist, als hätte sich eine verschlossene Tür geöffnet, ein Ventil für meine Kreativität“, der er seitdem in der kleinen Werkstatt im Hof der alten Mühldorfer Turmbrauerei mit Säge, Feile und Schleifpapier freien Lauf lässt. Die Ergebnisse stellt der 37-Jährige unter dem Künstlernamen „Rioturban“ in seiner kleinen Galerie in der Bräugasse aus.

Tiki in allen Farben und Formen

Zu sehen ist Tiki in allen Facetten: mal traditionell, mal poppig, mal schlicht, mal knallbunt. Vom einfachen Schlüsselanhänger bis zur lebensgroßen Holzfigur. Längst probiert sich Simon Spagl auch auf anderen Feldern aus. Wenn es im Winter in der ehemaligen Lkw-Garage der Turmbrauerei zu kalt zum Schleifen und zum Schnitzen ist, malt er lieber daheim im Münchner Wohnzimmer mit Acryl auf Leinwand. Zuletzt entstanden im Auftrag für eine Bar Spagl-Porzellanbecher in Tiki-Optik.

Dabei steht für den Münchner mit den Mühldorfer Wurzeln der Aufwand selten in einem sinnvollen Verhältnis zum Ertrag: „Den Stundenlohn darf ich mir nicht ausrechnen. Aber darum geht es ja auch nicht.“ Noch nicht. Denn sein Geld verdient Simon Spagl mit Schreinerarbeiten. Trotzdem würde er seiner Kunst gerne mehr Raum geben. Und weiterexperimentieren in Sachen Tiki. „Die Grenzen existieren nur im Kopf. Man muss sich nur trauen.“

Stichwort: Tiki

Der Begriff Tiki existiert in den Sprachen verschiedener Völker Polynesiens und bedeutet ursprünglich Mann oder Mensch, mancherorts auch erster Mensch.

Als Tiki werden aus Holz geschnitzte oder in Stein gehauene Ahnenfiguren bezeichnet, die im Ahnenkult einiger Südseekulturen gleichbedeutend mit Götterfiguren sind. In der Sprache der Maori Neuseelands bedeutet der Begriff Tiki allerdings den ersten Menschen. Sogenannte Hei-Tiki bezeichnen dort kleine Figuren, die häufig aus Pounamu (Greenstone, Neuseeland-Jade, Nephrit) geschnitzt und an einer Flachsschnur als Amulett um den Hals getragen werden.

In den 1950er- bis frühen 1960er-Jahren hatte die sogenannte Tiki-Kultur ihren Höhepunkt in den USA. Dabei handelte es sich um eine Modewelle, die in die Gestaltung von unzähligen Kunst- und Alltagsgegenständen wie Cocktailbechern, Lampen, Körperschmuck und Skulpturen sowie in die Wohnhaus-, Bar-, Restaurant- und Hotel-Architektur Eingang fand. In den 1970er-Jahren ebbte die Exotik-Welle ab, in den 1980er Jahren begannen ihre Erzeugnisse im großen Stil aus dem öffentlichen Bild vor allem der USA wieder zu verschwinden. In dieser Zeit wurden die Relikte einer kaum thematisierten Pop-Kultur von einer neuen Generation wiederentdeckt und der Begriff „Tiki“ zur allgemeinen Bezeichnung Südsee-inspirierter Trivialkultur erweitert. Ab der Mitte der 1990er-Jahre kam es, ausgehend von Kalifornien, zu einem „Tiki-Revival“, das sich auch auf Europa und Australien auswirkte.Quelle: Wikipedia

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