Ein Porträt über die Roman- und Drehbuchautorin Eva Leidmann

Erst verboten, dann gefeiert

von Redaktion

Vita und Leben von Eva Leidmann sind weitgehend unbekannt – dabei hat sie zwei Romane geschrieben, die an die Werke der bayerischen Schriftstellerin Lena Christ erinnern und die in den frühen 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Nationalsozialisten nicht passten: Im Zuge der Bücherverbrennung vom Mai 1938 wurden die Romane „Wie man sich bettet“ und „Auch meine Mutter freute sich nicht“ verboten.

Mühldorf – In Mühldorf verbrachte Eva Leidmann ihre Jugend, in München kellnerte sie, in Hamburg verfasste sie drei Romane und in Berlin hatte sie endlich Erfolg – sie schrieb acht Drehbücher für den berühmten Filmkonzern Ufa. Mit nicht einmal 50 Jahren starb Eva Leidmann nach einer Blinddarmoperation. Davon berichtete am 8. Februar 1938 die „Mühldorfer Zeitung“ in einer „Trauerbotschaft“.

Zur Welt kam Eva Leidmann am 23. Juli 1888 in Burghausen als Tochter der Theresia Zurzlmeier, erst vier Wochen später bekannte sich Georg Leidmann (gest. 1913) als der Vater des Kindes. Eva Maria Leidmann hatte drei jüngere Geschwister – und zwar Theres (1900-1956), Rosa (1903-1972) und Georg (1905-1994). Die Geschwister hatten – ebenso wie Eva Leidmann – keine Kinder. Eva Leidmann ist eine Person, „von der man fast nichts weiß“ wie es Volker Weidermann in seinem Werk „Das Buch der verbrannten Bücher“ bedauert. Bis auf einen Aufsatz in der Illustrierten „Filmwelt“ aus dem Jahr 1936 gibt es nur wenige Hinweise auf Leidmann, und zwar in den Archiven von Mühldorf, München, Hamburg und Berlin.

Kindheit und Jugend in Mühldorf

Eva Leidmann verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Mühldorf, wo die Eltern eine kleine Landbrauerei mit Ökonomie und Gasthaus hatten. Ab 1899 führte der Vater die Gastwirtschaft „Wittelsbach“ am Mühldorfer Stadtplatz. Die Tochter erinnerte sich später in der Illustrierten: „In diesem Gasthaus bin ich aufgewachsen. Es hieß kräftig mitarbeiten. Mal im Stall, mal im Feld bei der Ernte; aber bald war ich im Gasthaus als Kellnerin unentbehrlich“. Eva Leidmann kellnerte immer wieder in ihrem Leben – nicht nur als Jugendliche beim Vater in Mühldorf, sondern auch in München, wo sie ab 1908 lebte. Zwei Jahre zuvor hatte sie den Neu-Öttinger Bierbrauer Franz Mühlberger geheiratet. „Vor dem Schlafengehen hab ich auf meinen Bierblock die ersten Aufzeichnungen für meine Bücher geschrieben, freilich nicht ahnend, dass Schreiben einmal mein Beruf werden würde.“ Diese „ersten Aufzeichnungen“ fließen ein in ihre stark autobiografischen Romane „Auch meine Mutter freute sich nicht“ (1932) und „Wie man sich bettet“ (1933).

„Wie man sich bettet“ – ein Buch, das auch heute noch lesenswert ist – schildert das Leben in einem Münchner Wirtshaus nach dem Ersten Weltkrieg und das Schicksal der Kellnerin Fanny, das so gar nicht dem Frauenbild der Nazis entspricht. Fanny kommt in Leidmanns Roman als Mädchen vom Lande in eine Münchner Gastwirtschaft, arbeitet sich vom Biermädel zur Kassiererin nach oben, hat verschiedene Männerbekanntschaften, wird schwanger, treibt ab, trinkt, leidet an Depressionen, bekommt ein Kind von einem Zirkus-Clown, muss das Mädchen als Kostkind abgeben, schläft mit wildfremden Männern, um das Geld für die Koststelle aufzubringen. Fanny landet schließlich in Hamburg in einem Nachtlokal.

Eva Leidmann ging – wie ihre Romanfigur – tatsächlich 1917 nach Hamburg, wo sie am Theater und im Kabarett auftrat. Ein zweites Standbein wurde der Journalismus – sie schrieb Humoresken und Reportagen für die „Hamburger Illustrierte“, das „Hamburger Fremdenblatt“ oder die „Neue Illustrierte Zeitung“. Drei Jahre arbeitete Leidmann am ersten Roman „Auch meine Mutter freute sich nicht“ – an Hand von Notizen auf ihren Bierblöcken. Die Zeitschrift Simplicissimus urteilte über das Debut: „Ein Buch von stärkstem Humor, aber dies nur deshalb, weil darin tiefe Tragik mitschwingt“, heißt es in der Rezension vom Juni 1932. „Eva Leidmann kennt die Seele dieses bajuwarischen Volkes gut.“

Nach der Bücherverbrennung endete Leidmanns Arbeit als Journalistin, sie ging 1934 nach Berlin, und zwar zum Film. Von 1934 bis 1938 arbeitete Leidmann vor allem für die Ufa – insgesamt verfassts sie acht Drehbücher, zum Teil als alleinige Autorin, zum Teil mit anderen Regisseuren zusammen. Filmtitel sind unter anderem „Das Mädchen Irene“ (Regie: Reinhold Schünzel) mit Lil Dagover, „Fanny Elßler“ mit Lilian Harvey und Willy Birgel, „Ein Mädchen geht an Land“ mit Elisabeth Flickenschild und Günther Lüders oder „Land der Liebe“, der schließlich von Propagandaminister Joseph Goebbels verboten wird.

Leidmann dürfte sich als Drehbuchautorin einen guten Ruf erworben haben – immerhin hat sie bei der Ufa so gut verdient, dass sie sich bei Berlin-Michendorf ein kleines Haus bauen ließ. Beziehen konnte sie das neue Domizil nicht mehr: Eva Leidmann starb am 6. Februar 1938.

Leidmanns Name auf einer Bronzetafel

Heute erinnert an Eva Leidmann nur noch ein Reprint von ihrem Roman „Wie man sich bettet“ in der edition phoenix (Westhafen-Verlag), die es sich zur Aufgabe macht, die von den Nazis verbotenen Werke wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 2001 wurde am Frankfurter Römer eine Bronzetafel enthüllt: Zwischen den Namen von Max Brod und Erich Maria Remarque findet sich auch der von Eva Leidmann. Die Tafel erinnert an die Frankfurter Bücherverbrennung vom Mai 1933 mit 15000 Schaulustigen.

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