Wie schön ist doch die Musik…

von Redaktion

…in Verdis „Il trovatore“! Die Moldawische Nationaloper gastierte mit dieser Oper in Waldkraiburg

Waldkraiburg – Richard Strauss lässt am Ende seiner Oper „Die schweigsame Frau“ den alten Morosus sinnieren: „Wie schön ist doch die Musik“. Seltsam, dass einem nach Ende der Verdi- Oper „Il trovatore“ aus Sicht der Moldawischen Nationaloper ausgerechnet Richard Strauss einfällt. Aber schon mancher „Trovatore“-Kenner schätzte die Musik dieses 1853 in Rom uraufgeführten Werkes höher ein als dessen Inhalt. Hans Kühner etwa, Verfasser einer „rororo-bildmonographie“ über Verdi, schrieb: „Der Trovatore lebt nicht aus der Handlung. Er lebt, mit Ausnahme der Zigeunerin Azucena, der eigentlichen Hauptrolle, nicht aus irgendeinem Charakter (…) Er lebt allein aus der Musik, aus einer Häufung von Musik im Extrem des Ausdrucks, fast im Vulkanischen“.

Es verwundert nicht, dass die (nicht nur nach Zentimetern gemessene) herausragende Gestalt der beim Waldkraiburger Gastspiel vorrangig Mitwirkenden der Dirigent der fast dreistündigen, heftig beklatschten Aufführung war: Dumitru Carciumaru. Der junge Hüne mit unverkennbar musikalischer Stirn vermochte es kapellmeisterlich, ein Orchester voller Wohllaut, Rundungen, dramatischer Aufgüsse und klanglicher Finesse zu befehligen – das war schon klar, als wenige Takte reinster Bläser-Stöße die Öffnung des noch immer ein wenig quietschenden Vorhangs introduzierten.

Wer geht schon in die Oper, um von der Bühne wegzugucken. Was unter der hausbackenen, manchmal schmunzeln lassenden Regie von Mihai Timofti und im arg sparsamen, doch nie ernsthaft störenden farbigen Bühnenbild von Ludmila Furdui von durchwegs hochmotivierten Sängerdarstellern geboten wurde, ging nie unters befriedigende Niveau. In Verbindung mit der Musik, die Verdi 1851/52 höchst sorgfältig, aber auch publikumswirksam ausarbeitete, leider auch mehrfach änderte, ist „Der Troubadour“, folgt man dem Musikologen Hans Renner, „nicht nur erträglich, (…) viele seiner abgeschmackten oder schauerlich grellen Situationen vermögen ungeachtet aller logischen oder ästhetischen Einwände immer aufs Neue Hörer zu erregen und wirklich zu überzeugen“.

Exakt das trifft auf die Waldkraiburger Situation zu. Das Publikum zeigte sich nobel und duldsam, als es mit dem blechernen, rüden Bariton Vladimir Dragosh einen nicht mehr ganz akzeptablen Conte Luna zu ertragen hatte. Kein Szenenapplaus ist auch eine gültige Art der Einschätzung. Umso mehr verstanden die auch mit Jungvolk gefüllten Parkett-Reihen im „Haus der Kultur“ der glutvollen Gestalterin der (heimlichen) Hauptpartie dieses schlechten Mantel-und-Degen-Stücks hörbar ihre Anerkennung zu zollen: Liliana Lavric gab eine zürnend agierende Zigeunerin voller Rachegelüste und Mutterbesorgnis. Stimmlich war sie mit profundem, wandlungsfähigem Mezzo das Ass unter den übrigen Protagonisten: neben Ines (Ghiulnara Raileanu), die respektablen Gestalter des Vasallen Ferrando (Valeriu Cojocaru) und des Titelhelden Manrico (Aleksei Srebnitski), insonderheit der Leonora. Sie hat ja in diesem Verdi nichts, aber auch gar nichts zu lachen, muss ständig griesgrämig dreinschauen, um endlich zum Giftflacon zu greifen, weil sie sich halt nicht entscheiden kann zwischen dem hennagefärbten schicken Troubadour und dem zwar reichen, aber schon nicht mehr frischen, dicklichen Grafen.

Alla Mishakova machte das Beste daraus. Sie erfreute, nachdem sie anfänglich nur mit weit aufgerissenem Mund die hohen Töne zu stemmen vermochte, im IV. Teil, bei szenisch nicht erkennbarer „Hinrichtung“, mit sauberen Piani und anrührendem Verzichts-Adieu.

Ist es, angesichts der schlichten Inszenierung, in welcher der zu wenig zupackende, aus lauter jungen Männern bestehende Soldateska-Chor höchstens optisch gute Figur machte, zu bissig, wenn Richard Strauss‘ Erkenntnis vervollständigt zitiert wird? Sie lautet: „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist“. Wobei mit „sie“ dann die ganze Oper gemeint wäre.

Artikel 2 von 9