Mühldorf – Es gibt da diese wundervolle Anekdote. Irmgard Bosch spielte in den 1980ern im Mühldorfer Symphonieorchester bei den zweiten Geigen. Es war die Zeit, in der sich das Orchester für große Festkonzerte in der Eberweinhalle prominente Musiker-Verstärkung aus München holte. Vor dem Konzert gestand nun Irmgard Bosch dem begabten Solisten, dass ihr Spiel an den kniffligen Stellen nicht ganz perfekt sei. Woraufhin der Profi antwortete: „Das macht nichts, schönes Fräulein. Ich spiele alles und Sie sitzen einfach neben mir und sind schön.“
Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn schön sein alleine reicht in einem Orchester nicht. Es braucht viele kleine Teile für das große Ganze. Und es braucht neben all dem musikalischen Talent auch viel ehrenamtliches Engagement, wenn ein Laienorchester 60 Jahre lang bestehen will. Wie viel, zeigt ein Blick in die wechselvolle Geschichte des Symphonieorchesters Mühldorf.
Die Anfänge
Auf Initiative und unter dem Dach des Mühldorfer Sängerbunds kamen im Januar 1957 rund 20 Musiker zu einer ersten Probe zusammen und gründeten das „Sängerbund-Orchester“. Der erste Dirigent war Theodor Polz. Im April 1957 untermalte das Sängerbund-Orchester musikalisch dann die Neueröffnung des Sparkassengebäudes am Katharinenplatz, der Festakt fand damals in den „Kammerlichtspielen“ an der Luitpoldallee statt. Auf dem Programm stand die „Symphonie mit dem Paukenschlag“ von Josef Haydn, die morgen Abend auch beim Benefizkonzert im Mühldorfer Stadtsaal zu hören sein wird (siehe nebenstehenden Infokasten).
Im Juni 1957 luden der Sängerbund und sein sehr schnell auf 50 Mitglieder angewachsenes Sängerbund-Orchester zu einem ersten Konzert in die Tierzuchthalle am Bahnhof ein. So veranstalteten zwischen 1957 und 1960 Sängerbund und Orchester mehrere gemeinsame Konzerte. Herausragend war ein Solistenkonzert in der Tierzuchthalle im Juni 1959 mit fast 200 Mitwirkenden und 2000 Besuchern. Die Proben fanden damals im Gasthaus Stern an der Innstraße statt, ab November 1959 dann im Turmbräugarten.
Im Juni 1960 trennten sich die Orchestermitglieder vom Sängerbund und gründeten als eigenständigen Verein: das „Mühldorfer Orchester e. V.“. Mittlerweile war die Zahl der aktiven Musiker auf 60 gestiegen. Höhepunkt der Feierlichkeiten anlässlich des zehnjährigen Bestehens war ein Konzert in der Tierzuchthalle mit Balletteinlagen. Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik in München tanzten den „Faustwalzer“ von Gounod. Gerade die Konzerte in der Tierzuchthalle sind den Musikern bis heute in Erinnerung. Denn der Aufwand war enorm: Am Donnerstag nach der Viehauktion begann das große Putzen, am Samstag war Konzert. Für den sanften Stallgeruch in der Luft entschädigte immer die einmalige Akustik der Eberweinhalle.
Die 1970er-Jahre
Die 1970er-Jahre waren die Blütezeit des Mühldorfer Symphonieorchesters. Unter anderem komponierte Jan Koetsier, Erster Dirigent des Bayerischen Rundfunks, zu Ehren des Orchesters die „Mühldorfer Serenade“. Deren Uraufführung fand am 25. September 1971 in der Eberweinhalle statt. An diesem Abend traten der legendäre Bassist Kurt Böhme und die Sopranistin Lilly Sauter als Gesangssolisten auf. Später wurde die „Mühldorfer Serenade“ sogar auf Schallplatte veröffentlicht.
Weiterer Höhepunkt war die Uraufführung der „Intrada Classica“ am 30. September 1972. Im Publikum saß damals auch Komponist Jan Koetsier. Anlässlich des 20. Orchester-Jubiläums fand am 1. Oktober 1977 ein Konzert mit den Solisten Janet Perry (Sopran) und Dieter Sonntag (Flöte) statt.
Seinen 25. Geburtstag im Oktober 1981 feierte das Orchester ebenfalls mit einem festlichen Konzert. Solist des Abends war damals der Konzertmeister der Münchner Philharmoniker Kurt Guntner, auf dem Programm stand das Violinkonzert von Beethoven.
Das Mühldorfer Orchester bot sich aber immer wieder auch als Plattform für junge Solisten aus der Region an: So trat beim 30. Orchesterkonzert am 1. Oktober 1983 die junge Mühldorferin Karen Meißner als Solistin am Klavier auf. Auch Birgid Steinberger (Sopran) und Rudolf Pscheidl (Tenor) traten mit dem Symphonieorchester auf. Trotz des qualitativ hochwertigen Angebots gingen die Besucherzahlen allerdings schon Mitte der 1980er-Jahre spürbar zurück. Daran änderten auch die Bemühungen nichts, immer wieder Spitzenmusiker nach Mühldorf zu holen: 1986 trat beispielsweise die bekannte Cellistin Angelica May in der Tierzuchthalle auf.
Die 1990er-Jahre
Anfang 1991 gab Theo Polz die musikalische Leitung an Erwin Altmayer ab. Mit ihm wagte das Orchester eine musikalische Neuausrichtung und hatte mit der Aufführung von Ravels Bolero einen guten Start. 1996 benannte sich das Orchester schließlich in „Symphonieorchester Mühldorf e.V.“ (SOM) um.
Zum 50-jährigen Jubiläum 2007 veranstaltete das Orchester gemeinsam mit dem Kammerorchester Burghausen drei Konzerte in Mühldorf, Burghausen und Kraiburg. Zur Aufführung gelangte „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms. Außerdem betrat das Orchester mit dem Konzert „Klassik trifft Rock“ Neuland – mit den Musikern Mike Toole und Fritz Killermann und unter der Leitung von Willi Küblbeck.
2008 trat der neue Dirigent Georg Haider an das Dirigentenpult, auf seinem ersten Programm stand ein Kinderkonzert in der Aula der neu gebauten Mittelschule. 2014 führte das Symphonieorchester auf Initiative des Vorstands Josef Riexinger Bild-Kunst und Ton-Kunst zusammen.
Heute
Heute hat das Orchester 28 Mitglieder, die unter Leitung des Dirigenten Georg Haider regelmäßig proben und konzertieren. Für ihr Hobby nehmen die Musiker zum Teil weite Wege in Kauf: So mancher fährt 50 Kilometer und mehr zur wöchentlichen Probe im Hans-Prähofer-Haus.
Sorgen bereitet Orchester-Vorstand Josef Riexinger vor allem der fehlende Nachwuchs – nicht nur im Orchestergraben: „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Musikern. Und müssen uns zugleich bemühen, dass wir mit unseren Konzerten auch für ein jüngeres Publikum attraktiv sind.“ 60 Jahre Symphonieorchester: Das ist deshalb nicht nur die Pflege alter Traditionen, sondern auch die Suche nach dem richtigen Weg in die Moderne.