Waldkraiburg – Die Schönheit eines Waldspaziergangs erschließt sich Kindern selten auf den ersten Blick. Auch Martin Assig hatte als kleiner Bub nicht viel übrig für die Fauna und Flora, die ihm seine Eltern ans Herz legen wollten. Dafür fand er die Wegkreuze umso spannender. Vor allem die, die eine Geschichte erzählten, die Glück und Unglück darstellten, Not und Hilfe, Gottes Segen und Marias Schutz. Die positive Einstellung zum katholischen Glauben und die Faszination für Votivtafeln hat sich Martin Assig bis heute bewahrt. Beides spiegelt sich in der Ausstellung wider, die bis 7. Januar in der Städtischen Galerie im Haus der Kultur in Waldkraiburg zu sehen ist.
Unter dem Titel „St. Paul“ zeigt der Berliner Künstler Papierarbeiten einer Serie, die er seit 2009 konsequent verfolgt. Damals hatte Assig einen klaren Schnitt gemacht und sich neue Regeln für seine Kunst gegeben. Den Anfang machten kleine Bilder im Ikonen-Format mit abstrakten Mustern, geometrischen Figuren oder angedeuteten Menschen und Tieren.
Die Motive werden mal am Rand, mal mittendrin von einzelnen Worten oder Textfragmenten begleitet, die auf den ersten Blick keinen unmittelbaren Bezug haben. Zwei Gedanken in einem Bild, die im Kopf des Betrachters dann doch wieder zusammenfinden. Denn natürlich sucht das Gehirn nach einer Beziehung. Votivtafellogik.
Doch so einfach macht es Martin Assig dem Betrachter in seinen Denkbildern nicht. Mal reiben sich Text und Bild, mal lassen sie nachdenklich zurück, mal findet sich doch eine Verbindung – wie in „St. Paul‚ #787“. Das Motiv: Einzelne Pferde in bunten Kreisen. Der Text: Fragmente, die sich um ein Geheimnis drehen („Ins Ohr flüstern“, „Ins Grab nehmen“, „Nie sagen“, „Für immer“). So nehmen die Kreise die Pferde in Isolationshaft, als unüberwindbare Hindernisse.
Auch an anderer Stelle sprechen Martin Assigs Bilder immer wieder existenzielle Fragen an. Es geht wie in „St. Paul #806“ (So ist das ganze Leben) um elementare Aspekte, um Leben und Tod, um Endlichkeit, um Liebe und Hoffnung. Ausgangspunkt ist neben persönlicher Erfahrung auch das weite Feld der Literatur, der Philosophie und der Kunst. „St. Paul‚ #787“ zum Beispiel ist Teil einer Bilderserie, die sich um Franz Marc verschwundenes Kunstwerk „Turm der blauen Pferde“ dreht.
Für den Betrachter erschließt sich dieser Hintergrund nicht, was für den Maler keine Rolle spielt: „Wer einen Sonnenuntergang schön findet, macht sich auch keine Gedanken darüber, was denn ein Sonnenuntergang überhaupt ist.“ Ihm geht es vielmehr um die Wahrnehmung der Kunst an sich.
Neben Inhalt, Farbe, Form und Wort setzt sich Martin Assig auch bei der Technik keine Grenzen: Ölkreiden, Aquarell, Tusche, Wachs, alles ist erlaubt. Eine Freiheit, die der Künstler bisher in fast 900 Arbeiten der Serie „St. Paul“ ausgelebt hat. So viele sind in der Städtischen Galerie Waldkraiburg natürlich nicht zu sehen.
Knapp 60 Kleinformate erwarten die Besucher, dazu ein gutes Dutzend riesiger Bilder – die „Großen“. Vier Quadratmeter groß, monumentale Werke, die trotz ihrer Dimension – und das ist wirklich große Kunst – leicht und einladend daherkommen. Sie nehmen wie „St. Paul #787“ und „St. Paul #806“ gefangen. Kreise und Linien münden in ornamentartige Flächen, die bisweilen meditativen Charakter besitzen. Zugleich erwacht der aufwendige Entstehungsprozess zum Leben, indem sich jeder Pinselstrich nachvollziehen lässt.
Denn – das ist Martin Assig wichtig – „kein Bild fällt einfach so vom Himmel“. Nicht in seiner wirklich sehenswerten Ausstellung. Und auch nicht im Wald am Wegesrand.
Die Öffnungszeiten bis 7. Januar: Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Feiertags geschlossen. Führungen für Schulklassen und Gruppen nach Absprache. Am Mittwoch, 13. Dezember, führt Galerieleiterin Elke Keiper durch die Ausstellung. Treffpunkt ist um 19 Uhr im Haus der Kultur, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung ist unter dem Titel „Die Großen (St. Paul)“ auch ein Katalog erschienen.
Weitere Informationen unter www.galerie-waldkraiburg.de.