Mühldorf – Der Moment, der von diesem Abend in Erinnerung bleiben wird, gehört nicht Gert Steinbäcker. Er gehört seinem Gast, dem zweiten „S“ von „STS“. Als Schiffkowitz die Bühne im ausverkauften Mühldorfer Stadtsaal betritt und den Gassenhauer „Fürstenfeld“ singt, räumt der Gastgeber das Feld. Steinbäcker überlässt seinem Ex-Kollegen die Band und das Rampenlicht – und den begeisterten Applaus.
Eine Geste mit einer klaren Botschaft: Nein, das soll hier nicht die Light-Version von „STS“ sein, nicht das Zwei-Drittel-Konzert ohne das „T“ alias Günter Timischl. Das hier ist Steinbäcker solo – mit Überraschungsgast Schiffkowitz. Sehr zur Freude des Publikums, das natürlich der guten alten STS-Zeit nachtrauert. Und sehr zur Freude von Schiffkowitz, der spürbar Spaß an dem kurzen Auftritt hatte, auch wenn ihm die körperliche Belastung deutlich anzusehen war.
Das Alter ist natürlich ein Thema: Steinbäcker ist 65, Schiffkowitz schon 70. Doch man nimmt es mit Humor. Als „junge dynamische Band aus dem Ausland“ stellt Steinbäcker seine österreichischen Musiker vor. Und dem STS-Klassiker „Irgendwann bleib I dann dort“ verpasst er kurzerhand eine neue Textzeile: „Doch bevor der Herzinfarkt, mich mit 70 in die Windeln prackt…“. Die „40“ von einst sind längst Vergangenheit. Wie so vieles.
Auch Steinbäcker hängt dieser Vergangenheit hinterher. „Die beste Zeit“ heißt ein Song auf seinem aktuellen Album „Ja eh“, er singt von einer Zeit, in der „Musik noch eine Botschaft war, eine Religion“. Eine Zeit, in der Liedermacher wie er noch etwas zu sagen hatten – und Gehör fanden. Doch Steinbäcker will andere Wege gehen. In einem Interview mit der Heimatzeitung vor einem Jahr sagte er: „Mit der jetzigen Form des Liedermachens höre ich auf. Ich bin zu langsam geworden für die digitale Welt.“ Das Album „Ja eh“ soll ein Schlusspunkt sein. Was nicht heißt, dass er loslassen kann – und will. Der kleinen Solo-November-Bayern-Tour mit Mühldorf als Finale soll gleich 2018 eine größere Tournee folgen. Warum auch nicht? Mit Gert Steinbäcker zwei Stunden lang irgendwo zwischen Nostalgie und Gesellschaftskritik zu schweben, ist durchaus unterhaltsam. Die Kraft in seiner Stimme ist ungebrochen. Und an Themen mangelt es einem kreativen Geist wie ihm ohnehin nie. Bestes Beispiel: „Alexis“. Ein junges Stück über einen arbeitslosen Griechen, der von all den großen Finanzhilfen nie einen Cent gesehen hat.
Auch musikalisch ist das Stadtsaal-Konzert alles andere als ein Abgesang. Wer sich an die schlichten STS-Auftritte mit drei Barhockern und drei Akustikgitarren erinnert, ist durchaus überrascht vom Aufwand, den Steinbäcker solo betreibt. Mit Maria Mar hat er sich eine ausgezeichnete Hackbrettspielerin (und Pinaistin) in die Band geholt. Dazu sorgen Franz Zettl (Akkordeon, Blasinstrumente), Schlagzeuger Gerde Wennemuth, Gitarrist Ulli Bäer und Erich Buchebner am Bass für einen Sound, der selbst Klassikern wie „Kalt und kälter“ oder „Steiermark“ einen frischen Anstrich verleiht – auch wenn auf der Bühne leider zu viel Routine und zu wenig Emotion regiert. Für die sorgt Steinbäcker mit der Wahl der Songs. An „STS“ führt – solo hin, solo her – vor allem nach der Pause kein Weg vorbei: „Großvater“ und „Mach die Aug’n zu“ inklusive. Steinbäcker hat kein Problem mit dem Spagat.
Ganz am Ende singt er dann doch noch mit Schiffkowitz gemeinsam: „Bevor i geh‘“. Eine letzte Zugabe mit seinem Überraschungsgast; ein Lied, das nicht von „STS“, sondern von Steinbäcker stammt. Der Gastgeber hat das letzte Wort.