Waldkraiburg – Wer Till Schweigers Film „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden in der Hauptrolle eines Alzheimerpatienten gesehen hat, der hat eine Ahnung davon, wie Drama und Komödie in einem Werk nebeneinander wirken können, ohne sich gegenseitig zu untergraben. Die Geschichte um einen Menschen, der sich selbst und somit auch seine Liebsten ans „Vergessen“ verliert, wurde 2014 in hochkarätiger Besetzung mit spektakulärem Erfolg umgesetzt. Unter gleichnamigem Titel erlebten die Gäste im gut besuchten Haus der Kultur in Waldkraiburg am Mittwochabend die Theaterfassung von Florian Battermann. Unter der Regie von Rene Heinersdorff, in einem spartanischen aber ideenreichen Bühnenbild, bediente sich die Komödie am Altstadtmarkt der Magie des Theaters und schuf so einen anderen Blickwinkel auf dasselbe Thema.
Nur vier Schauspieler ersetzten die laufenden Bilder des Films durch schlagkräftige Dialoge mit Wortwitz. „Warum verändern sich eigentlich Menschen, wenn sie älter werden?“ Als Tilda (Anne Bedenbender) von der Krankheit des geliebten Großvaters Amandus (Achim Wolff) erfährt, sieht sie sich gleich zwei großen Herausforderungen gegenübergestellt: Die Ehekrise der Eltern (Mutter Sarah: Astrid Kohrs, Vater Niko: Karsten Speck) setzt ihr ebenso zu, wie die rätselhafte Veränderung des Menschen, der ihr bisher immer Halt gegeben hat. Als Großmutter Margarete gestorben war und der Opa einige Wochen später eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgab, bestand dringender Handlungsbedarf. Dass die Eltern entschieden hatten, den zunehmend orientierungslosen Opa ins Gästezimmer des gemeinsamen Hauses aufzunehmen, findet die quirlige Tilda prima.
Liebevoll kümmert sie sich, versucht mit kindlicher Naivität dem Schrecken der Verwirrung entgegenzuwirken. Großvater Amandus versucht sich nützlich zu machen, richtet dabei aber in Haus und Garten immer größeren Schaden an. Als er Mutter Sarahs Schuhe als „Apfelkuchen“ bäckt, fackelt er um ein Haar das ganze Haus ab. Die Familie ist am Limit, die Ehe vollends zerrüttet und Tilda verzweifelt: „Wie fühlt sich das an, wenn man alles vergisst?“, will das Kind wissen. „Das ist wie Honig im Kopf“, versucht der Opa zu erklären.
Immer öfter scheitern die Versuche die unübersehbare Wahrheit zu vertuschen: Endstation Altersheim heißt es aber für Amandus erst nach einer erlebnisreichen Reise nach Venedig – einer letzten großen Liebeserklärung der Enkeltochter und zugleich ein letztes Aufbäumen gegen das Vergessen. „Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen“, meint der Großvater. „Doch Opa, ich brauche dich!“, tröstet Tilda, die durch ihren ungebrochenen Optimismus ihren Eltern einen wirkungsvollen Denkzettel verpasst.
Es gibt viele Möglichkeiten mit Unglück und Krankheit umzugehen. Liebe, Geduld und Zusammenhalt waren für Amandus und seine Familie letztlich die einzige Hoffnung. Ein tröstlicher Blick auf ein beängstigendes Thema und eine geschmackvolle Adaptation zu einem großartigen Film.
Im Saal kippte während des Spiels die Stimmung von betroffenem Schweigen zu prustendem Gelächter. Dem Ensemble gelang es, die Zuschauer mitzunehmen und feinfühlig einzubinden in ein ernstes Thema, das jeden – ob als Sohn, Tochter, Vater, Mutter oder Enkel – betreffen kann. Das Publikum bedankte sich mit einem kräftigen Applaus und BravoRufen.