Klassiker der Revolution

von Redaktion

Gerhard Polt und die Well-Brüder trumpfen im ausverkauften Mühldorfer Stadtsaal auf

Mühldorf – Wer den Wellbrüdern und Gerhard Polt zuhört und dabei die Augen schließt, dem schmeichelt sich ein zartes Déjà-vu ins bayerische Revoluzzer-Herz. Alles klingt wie damals, in den Achtzigern und Neunzigern. Christoph, Michael und Karl Well singen die CSU aus und Polt entlarvt die besonders Zeitgeistigen ebenso als Deppen wie die Traditionalisten. Diese Kleinkunst-Stücke haben ihr Publikum damals begeistert. Und heute, da die Renegaten längst zu Klassikern geworden sind, zieht es noch genauso herzhaft mit.

Der Mühldorfer Stadtsaal, seit Wochen ausverkauft und vorbildlich präpariert, bumpert wie ein amüsiertes Revoluzzer-Herz. Denn wie eh und je füttern Korruption, falsche Nationalnostalgie und andere Dummheiten diese wunderbaren Künstler im Wochenrhythmus mit Material für Pointen. Zudem ist und bleibt die CSU ein zuverlässiger Lieferant.

„Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätten, dann

hätt’s den Zweiten gar nicht gebraucht.“

Gerhard Polt

Die immer noch tourenden Rolling Stones weisen einen Altersdurchschnitt von 74 Jahren auf, dagegen sind die in Ehren ergrauten Polt und seine musizierenden Mitstreiter mit einem Schnitt von 62 Jahren junge Hupfer. Und so treten sie auch auf. Mit sprühender Spiellaune. Christoph Well rappt für einen anständigen Milchpreis. Dann plattelt er wie ein Gebirgsderwisch und Michael trumpft mit einem schottischen Highland Dance auf, was der ältere Bruder Karl mit einer überwältigenden Darbietung von Wampenakrobatik kontert. Er nennt das Bauchtanz. Polt harrt während der kammermusikalischen Darbietungen mit der Gelassenheit einer Endmoräne auf seine Einsätze. Doch wenn er dran ist, kann er schon mal ausbrechen wie ein von der freien Lokalpresse empörter Feuerwehrkommandant – ein wahrer Alpenvulkan.

Polt aktualisiert sein Figurenkabinett mit Themen und Gestalten, die ihm im richtigen Leben begegnen. Er spielt einen indischen Pfarrer, der die Bayern katholisch machen soll – wie gerade auch in Mühldorf der neue Pater John. Wobei Polts Priester englisch spricht. Kein Wunder, dass er leere Kirchen vorfindet. Ziemlich unverhohlen persifliert Polt dann den Korruptionsskandal um den CSU-Landrat Jakob Kreidl in seinem Heimatlandkreis Miesbach. „120000 Euro für ein Frühstück zum runden Geburtstag, das muss doch drin sein, oder?“

Das Wort AfD kommt Polt nicht über die Lippen, doch seine Realsatire nimmt genau die Allerweltsfiguren aufs Korn, die diese Partei gut finden. Den alleinerziehenden Großvater zum Beispiel, der seinem Enkel Geoffrey deutsche Geschichte so beibringt: Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätten, dann hätt’s den Zweiten gar nicht gebraucht.“ Allein bei den Gstanzln der Well-Brüder vergeht manchem Mühldorfer das Lachen. Wer Kultur erleben will, sei in Töging besser aufgehoben. Und nach 70 Jahren seien die Waldkraiburger Flüchtlinge auch in Mühldorf integriert. Das verletzt lokalpatriotische Gefühle. Welcher Politiker-Name sich auf den Komparativ „blöder“ reimt, brauchen die Wellbrüder hingegen nicht einmal selbst zu singen, das erledigt ihr Stadtsaal-Auditorium. Und auch die feinen Scherze über die AfD finden bei allen Anklang.

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