Wo ist nur Nora? Das neue Jahr beginnt für den Höllerbauern Erich mit der bangen Frage, wo seine Tochter nach der Silvesternacht abgeblieben ist. Jetzt, da doch die Rauhnächte bevorstehen und auch noch Sturmtief Vladimir sibirische Schneemassen am fiktiven Ort Engelsberg im Mühlviertel ablädt. Minus 20 Grad Celsius und die Schotterkiesgrube der Familie Röbelreiterer: Das ist die Kulisse des Alpenwestern von Stefan Leonhardsberger, der am Donnerstag zur Vorpremiere im Mühldorfer Haberkasten das Stück „Rauhnacht“ präsentierte.
Quentin Tarrantino wäre begeistert
Eine rasante Geschichte, in der Leonhardsberger im Vergleich zu seinem Debüt „Da Billi Jean is ned mei Bua“ etwas ganz anderes probiert: Der österreichische Schauspieler mimt mehr als zehn Charaktere und gibt vollsten Körpereinsatz, wenn er das verkorkste Familienleben der Schottergrubendynastie um ihren Patriarchen Rudolf Röbelreiterer nachzeichnet.
Zur Geschichte: Der Unternehmer, der seine Kiesgrube mit eiserner Hand führt, war von seinem Big-Ben-Nachbau gestürzt und liegt im Koma; bekommt also nichts mit, was seine beiden nichtsnutzigen Söhne Ronald und Robert alles anstellen. Die beiden füttern als „Rock-Crash-Brothers“ einen eigenen Youtube-Kanal mit Videos und schrecken auch davor nicht zurück, den Schreibtisch des Vaters zu „kieseln“. Leonhardsberger spielt bemerkenswert authentisch die vernachlässigte Ehefrau Brigitte, die den komatösen Zustand ihres Gatten ausnutzt, um eine Affäre mit dem klobigen und stumpfsinnigen Tankstellenbesitzer Andreas zu beginnen. Die After-Eight-süchtige und schauderhaft gefühlskalte Tochter Doris scheint als Einzige noch den Überblick im Unternehmen des Vaters zu haben, legt sich damit auch mit einem gewissen „Weinstein“ an, der sie am Telefon offensichtlich sexuell belästigt.
Auf der Suche des Höllerbauer Erich, der Instagramm für einen Ort hält, nach Tochter Nora führt die Spur in eben diese Kiesgrube und schließlich hinaus in die Kälte, wo der Höllerbauer von der „Deifesbrücke“ stürzt – szenisch aberwitzig komisch in Zeitlupe dargestellt. Das überlebt er zwar. Doch auch ihm bleibt das furiose Finale nicht erspart, das letztlich, begleitet von Endzeitmusik in Superslowmotion, den Tod aller zur Folge hat: Genickbruch bei Brigitte, Andreas erdrosselt, das Brüderpaar zerkieselt und Erich erstochen, nachdem der aus dem Koma erwachte Rudolf bereits einem Herzinfarkt erlegen war – Quentin Tarrantino wäre begeistert. Nur Doris scheint als Einzige zu überleben. Denn die Großmutter, die sonst auf ihrem elektrischen Stuhl vor dem Fernseher dahinvegetiert, und Nora haben sich im Erdkeller eingesperrt, um sich vor den Rauhnächten zu schützen. Blöd nur: Die Tür lässt sich vom Keller aus nicht öffnen und alle anderen sind tot. Ein klassisches Eigentor. „O‘gfangt hat alles am Altjahrstag!“, krächzt Leonhardsberger in greiser Manier zum Schluss des Stückes, schafft damit eine fast cineastische Klammer zum Auftakt, in der die Großmutter noch vor den Rauhnächten gewarnt hatte.
Kein Grund, sich hinter Hader zu verstecken
Ein Schauspieler, viele Charaktere – hatten wir das nicht schon mal? Stimmt. Bei dem ebenso spannenden wie morbiden Stück „Hader muss weg“ brillierte Josef Hader in ähnlicher Weise. Und doch unterscheidet sich Leonhardsbergers Spiel vom Altmeister: Nicht nur seine schauspielerische Leistung, Gestik und Mimik, sind so ausgefeilt, dass die einzelnen Charaktere schon auszumachen sind, bevor er auch nur ein Wort gesprochen hat. Er hat auch noch den genialen Gitarrenspieler Martin Schmid an seiner Seite, der als akustischer Bühnenbildner das Drama, in welchem Leonhardsberger mit einem Stuhl als einzige Requisite auskommt, greifbar macht. Von der Wählscheibe des Telefons bis zum Original-Fendt-Bulldog – erstaunlich, welche Klänge aus einer Akustikgitarre herauszuholen sind, den Rest erledigt das Mundwerk Schmids.
Eineinhalb Stunden gibt Leonhardsberger im Haberkasten alles, fesselt hoch konzentriert die Besucher im voll besetzten Haberkasten. Dafür erntet er am Ende zurecht lang anhaltenden Applaus – Vorpremiere mehr als geglückt.