Mühldorf – Freakig sehen sie aus, die vier Männer auf der Bühne, jeder auf seine Weise. Nicht großstädtisch-freakig, sondern eher hinterwäldlerisch-hinterher-freakig. Mit Gitarre, Akkordeon, Klarinette und Schlagzeug spielen sie etwas, das wie der beginnende Tag im Sommer klingt. Ab und zu bimmelt eine kleine Kuhglocke, ein Morgen auf der Alm. Ein wunderschöner. Und dann, plötzlich: Gar ist’s mit dem Idyll. Die Musik klingt auf einmal wie Bierzelt in ungewöhnlicher Besetzung. Dazu singt Simon Schorndanner: „Ja hat se denn der Wirt erhängt, weil er uns kei Bier eischenkt?“ Und das Stück, mit dem „Gankino Circus“ das Konzert im Haberkasten eröffnen, driftet immer mehr in Richtung Klezmer, wenn Schorndanner singt und Klarinette spielt.
Abstruse Geschichten aus Dietenhofen
Aus „Dietenhofen“ kommen sie. Sagt Gitarrist Ralf Wieland, der an AC/DC-Gitarrist Angus Young und Dr. Emmett L. „Doc“ Brown aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ erinnert. „Dort haben wir unsere Jugend verbracht.“ Die anderen drei pflichten ihm bei: gespielt-dümmliches Nicken.
Zwischen den Stücken erzählen sie abstruse Geschichten aus Dietenhofen. Spätestens jetzt ist klar: Sich selbst und Dietenhofen nehmen die vier nicht so ganz ernst. Echte Selbstironie ist halt verdammt cool. Aber die Musik, die nehmen sie ernst. Irgendwo zwischen Klezmer, Polka, heimischer Volksmusik und asymmetrischen Balkan-Rhythmen. Ihre Lieder können so ruhig und schön sein, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Und dann wieder so lebensfroh, dass schon bei der zweiten Nummer die Mühldorfer mitklatschen. Schlagzeuger Johannes Sens sorgt dafür, dass das Publikum den Rhythmus fühlt. Und Maximilian Eder am Akkordeon lässt die Zuhörer spüren, in welchem Teil der Welt ein Stück seine Wurzeln hat.
In den Geschichten geht es um die Zeit in der Dietenhofener Wirtschaft „Heilige Gans“, in der die vier immer gewesen sein wollen – in ihrer Jugend. Sie erzählen vom Wirt, dem „Weizen-Charly“, der wohl so nach der achten Halben immer einschlief auf dem Weißbier-Glas, wodurch sich auf seiner Stirn ein violetter Kreis bildete. Nachdem der Weizen-Charly eines Abends mit dem Mund im Glas eingeschlafen und erstickt ist, mussten sie die Wirtschaft wechseln. Blieb nur noch der „Grieche“ Dietenhofens. Der Gankino Circus entlarvt daraufhin die Bouzouki-Gitarren-Klänge als „Fake-Musik“, alles sei mit der Bohrmaschine zum Schlagen der Seiten getrickst. Das demonstriert Ralf Wieland dann, offenbar mit einem in eine Bohrmaschine gespannten Plektron. Es klingt wirklich griechisch.
Aber die eigentliche Frage ist: Wie kommen Gankino Circus auf diese und andere schrägen Ideen? Manch einer nutzt die Jugend in der ruhigen Provinz offenbar nicht nur zum Instrumentelernen und -üben, sondern auch dazu, kreativ-abstruses Kabarett in seinem Kopf auszuspinnen. Das Hinterland kann inspirierend sein.
Der Weizen-Charly, im Weißbierglas erstickt
Es dauert bis zur Zugabe, bis Ralf Wieland ernsthaft wird, und sagt, was die vier wirklich bewegt. „Es gibt überall auf der Welt schöne Volksmusik – auch bei uns“, sagt er. Aber hier gebe es eben viele Leute, die sie nicht schön interpretierten. Diesen Leuten habe Grankino Circus von Dietenhofen aus den Kampf angesagt. Dann spielen sie die Volksweise „Kein schöner Land“. Die Klarinette scheint die Melodie zu flüstern, die anderen Instrumente kommen nach und nach dazu. Irgendwie scheint Inspiration und Land zusammen zu gehören. Schon länger. Auch oder gerade in Westmittelfranken.