Vier Jahrzehnte in drei Räumen

von Redaktion

„The Future of Reading“: Das Werk des amerikanischen Künstlers Gary Stephan in der Städtischen Galerie

Über vier Jahrzehnte liegen zwischen diesen beiden Werken des Amerikaners Gary Stephan. Links „ohne Titel, 1973, Acryl auf Holz“, rechts „CN7, Acryl auf Leinwand, 2015“.Foto ha

Waldkraiburg – Wer mit Gary Stephan einen Rundgang durch dessen Ausstellung unternimmt, muss flink sein. Der US-Amerikaner, immerhin Jahrgang 1942, hastet schon mal mit schnellem Schritt durch den Raum zu einem anderen Bild, wenn es der Erklärung dient. Und zu erklären gibt es einiges: 22 Bilder aus vier Jahrzehnten. Ein ganzes Künstlerleben in drei Räumen.

Die Werkschau in der Städtischen Galerie besitzt damit durchaus den Charakter einer Retrospektive, auch wenn Gary Stephan das etwas anders sieht: „Um die Entwicklung eines Künstlers im Detail zu zeigen, bräuchte es zwei Bilder aus jedem Jahr.“ Also über 80 in seinem Fall.

Doch auch mit dem gezeigten Viertel lässt sich einiges anfangen. Gut zu erkennen in dem Eck, in dem die Kunst des Gary Stephan aus den 1970er-Jahren direkt auf eines seiner aktuellen Werke trifft. Bei allen Unterschieden zwischen dem schlichten schwarzen Quadrat auf Holz aus dem Jahr 1973 und den filigranen bunten Flächen auf Leinwand aus dem Jahr 2015: Geometrie und Symmetrie finden sich hier wie dort, der Kreis hat sich geschlossen. Offensichtlich.

Auch wenn die Ausstellung keinem chronologischen, sondern einem zeitunabhängigen Kontext folgt, lassen sich die Charakteristiken der einzelnen Phasen gut erkennen: In den 1970er-Jahren malte Gary Stephan flächig und mit wenigen Details, trug die Acrylfarbe teilweise dick auf die großen Leinwände auf und stellte damit die Zweidimensionalität von Malerei in Frage.

Dieses Thema treibt ihn bis heute um: Es geht um Fakt und Fiktion, um den Konflikt zwischen dem Bild als flachem Objekt und dem Raum, der malerisch in ihm erzeugt wird. In seinen Worten: „Ich benutze die Werkzeuge des Formalismus, um ein Haus des Surrealismus zu bauen.“

In den 1980er-Jahren kennzeichnen rundliche Schablonen Gary Stephans Bilder, sie treten zum Teil als tiefschwarze Oberflächen aus dem Hintergrund hervor. Stilisierte Zeichen, die einerseits unlesbar sind, andererseits aber nicht zu figural geraten, „um den Blick des Betrachters nicht zu sehr zu fesseln“.

Doch irgendwann gegen Ende der 1990er-Jahre kam Gary Stephan an den Punkt, an dem wohl jeder erfolgreiche Künstler einmal steht. Weiter wie bisher? Um des Erfolges willen? Oder geht es doch um mehr? „Die Schablonen hatten ausgedient, ich konnte und wollte mit ihnen nichts neues mehr ausprobieren.“ Er wollte nicht der Künstler sein, dem lebenslang die Marke des Schablonen-Malers anhaftet. So verschwanden die rundlichen Objekte letztlich ganz aus seinen Bildern, wichen vergleichsweise starren geometrischen Figuren. Durch die Überschneidung der Formen und die Überlagerung von Malschichten spielt er mit Vorder- und Hintergrund. Es lohnt sich, gerade diese Werke aus der Nähe zu betrachten, um eine Idee vom Aufbau des Bildes und seiner Entstehung zu bekommen.

So bietet sich aktuell die beinahe einmalige Gelegenheit, einen umfassenden Blick auf das faszinierende Werk des New Yorkers zu werfen. Möglich macht das eine Kooperation der Städtischen Galerie mit der Kienzle Art Foundation Berlin, in der die Werke von September bis Januar zu sehen waren. Bevor die Bilder demnächst wieder in der Sammlung Kienzle und einer süddeutschen Privatsammlung verschwinden, können sie bis 11. März im Haus der Kultur betrachtet werden – zusammen mit mehreren Videos, die sich ebenfalls um das Thema Symmetrie drehen. Bis hin zur elektronischen Musik, die mal vorwärts und mal rückwärts läuft und dabei völlig gleich klingt. Als kleine Randnotiz einer feinen Ausstellung.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

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