Mühldorf – „Erwin aus der Schweiz“ heißt eigentlich Marc Haller. Zum Auftakt des „Magic Weekend“ in Mühldorf legte der Wahl-Wiener die Latte für die folgenden Zauberkünstler schon mal ganz schön hoch. Haller zaubert nicht nur, sein Programm erzählt Geschichten. Und mit seinem Alter Ego „Erwin“ lässt er sich nicht in eine Schublade stecken. Was Haller macht, ist weder reine Comedy, noch bloße Zauberei. Es ist von beidem etwas, geschickt verbunden mit Wortwitz und Magie. Das Potpourri aus Trick, Philosophischem, Witz und Plauderei kam an beim Publikum im Mühldorfer Haberkasten.
„Erwin aus der Schweiz“ kommt schon etwas schrullig daher. Verplant scheint er, irgendwie schräg, wie er so verdruckst dasteht mit seinen dünnen Beinchen, die in knallroten Socken stecken, der viel zu großen Brille, die keine Gläser hat, und dem altmodischen Jackett. Und ein bisschen verklemmt ist er auch. Aber trotzdem, oder gerade deswegen: Das Publikum hat ihn gern.
Weder reine Comedy noch bloße Zauberei
Während Erwin noch über den Applaus als Brot des Künstlers sinniert, haben die Unaufmerksamen unter den Zuschauern den ersten Trick schon fast verpasst. In Windeseile, mit zwei Handgriffen, hat er einen Zauberwürfel fertig gemacht, nur um im nächsten Augenblick schon auf seine zwei Goldfische „Eins“ und „Zwei“ zu sprechen zu kommen. Wie es unter normalen Menschen Rechts- und Linkshänder gibt, so gibt es unter den Zauberern „Rechts- und Linksärmler“, sagt Haller. Dass er ein Rechtsärmler ist, zeigt sich schnell, als er ein volles Glas Orangensaft aus seinem rechten Ärmel schüttelt. Haller zaubert Münzen aus der Luft und lässt das Publikum Zeuge einer Gedankenübertragung werden, er verschluckt einen Luftballon und während das Publikum noch auf den großen Knall aus seinem Inneren wartet, hat sich der Künstler einmal abgeschüttelt und – nach einem Schluck aus dem hergezauberten Glas Orangensaft – geht sein verbaler Streifzug durch Politik und Gesellschaft weiter. Menschen mit Bizeps und Muskeln beeindrucken zu wollen, findet er „oberarm“ und im Übrigen hätten Wein und Politik ohnehin viel gemeinsam, denn man wisse immer erst nach der Wahl, welche Flasche man ausgesucht habe.
Noch keine 30 Jahre alt, liest sich seine Karriere wie eine Erfolgsstory aus einem Hollywood-Streifen. Bereits mit 14 Jahren von der Zauberei begeistert, führte sein Weg ihn nach Verscio in die Scuola Teatro Dimitri und anschließend in die New Yorker Lee-Strassberg-Schauspielschule, an der unter anderem Christoph Waltz und Angelina Jolie ihr Handwerk gelernt haben. Zu guter Letzt hat der Absolvent des Musischen Gymnasiums in Zürich auch noch einen Abschluss im Hauptfach Schauspiel am Konservatorium in Wien in der Tasche. Trotz makellosem Lebenslauf, die Rolle des zerstreuten Zauberers, der den Anfang nicht findet und eigentlich den ganzen Abend lang nach dem passenden Einstieg sucht, steht Marc Haller.
Zauberer sind Rechts- oder Linksärmler
Nach der Pause spielt er mit unsichtbaren Karten, die dann doch ganz reell plötzlich in einer Papiertüte landen und ähnlich wie einst David Copperfield durch die Chinesische Mauer ging, sticht er durch ein geborgtes Jackett, das dann schlussendlich – und sonst wäre es ja keine Zauberei – keinen Kratzer abbekommen hat. Er beendet den Abend mit einem Puzzle des Lebens, das nicht größer zu werden scheint, obwohl Haller ihm anhaltend neue Teile hinzufügt und hält ganz am Ende die Zeit in Form von Sand in seinen Händen.
Was bleibt von diesem magischen Abend im Haberkasten? Ein Häufchen Sand auf der Bühne und die vielen Fragen in den Köpfen der Zuschauer, zum Beispiel, wie er den Reiseplan, den er gemeinsam mit seinem Publikum aufgestellt hat, schon vor Spielbeginn in einer verschlossenen Kiste auf der Bühne hatte platzieren können? Eine Antwort muss genügen: Magie.