Waldkraiburg – Natürlich geht alles gut aus. Die Christel kriegt ihren Adam. Sind ja beide liebe arme Schlucker in einer doofen, hochnäsigen, geldigen Feudal-Umgebung: sie sesshafte Dorfbriefträgerin, er vagabundierender Vogelhändler. So, wie er dem Waldkraiburger Publikum vorgestellt wurde, hatte dieser spezielle, heute total ausgestorbene Hausierer zwei Seiten: einen ungestümen Hang zur Unabhängigkeit, aber auch ein nicht zu leugnendes Kuschelbedürfnis.
Diese beiden sich durchaus in eins zu bringenden Charakterzüge seines Titelhelden waren dem Komponisten der nicht tot zu kriegenden Operette „Der Vogelhändler“ Carl Zeller (1842 – 1898) als auch dem Bearbeiter der von Moritz West und Ludwig Held stammenden Story Rudolf Pfister gegenwärtig. Zeller schrieb für seinen Adam und das Völkchen um ihn herum mitreißende, rührselige Melodien voller Tatendrang und Geborgenheitssehnsucht, und Pfister formte aus dem Gottlob ziemlich bald die Szene beherrschenden Adam einen Sympathieträger erster Güte.
Mit Gestaltungskraft und Bühnenpräsenz
Dieser gar nicht einmal vom Sängerischen her restlos zufriedenstellende, dafür aber von der Gestaltungskraft und Bühnenpräsenz her ideale Vogelhändler mit leichtem Tiroler Zungenschlag gewann die Herzen des Publikums im Nu: Richard Klein. So viel Charme, so viel Liebenswürdigkeit und spitzbübische Zurücknahme, so viel – wenn`s das gäbe – Tiroler Schmäh! Lustig, dass Klein mit Zeller etwas gemein hat: beide sind sowohl von Justitia wie von Musica berührt: Zeller war als in Graz promovierter Jurist nebenher Komponist und Klein, gebürtiger Innsbrucker, ist ausgebildeter Jazzpianist und hat Jura studiert.
Dass Zellers Librettisten die Chose so verwirrend angelegt haben – wer kommt schon vollkommen klar mit der überdrehten Handlung dieses Stückes? – macht letztlich nix aus. Das Hin und Her mit den diversen Schein-Identitäten (eine als Bauernmädel verkleidete Kurfürstin, ein nicht auftretender Kurfürst Karl Theodor, für den sich ein verarmter Graf, Neffe des korrupten Baron Weps ausgibt) und die Mir-nichts-dir-nichts-Verheiraterei machen offenbar niemandem etwas aus. Man kriegt, was man will: viel Soße um den Braten.
Für die Soße sorgte Regisseur Pfister in Gestalt eines kleinen, aber feinen Chors, einstudiert von Jan Snitil, und eines Solisten-Ensembles, das über Stadttheaterniveau hinausgeht. Auge und Ohr bekamen Leckerbissen vorgesetzt: im konstant geschmackvollen Bühnenbild von Martin Otava und den ausgesucht hübschen Kostümen von Dana Haklovà wurde blendend gespielt und gesungen. Aus dem Graben ließ Milan Kanák gut aufgelegte Instrumentalisten aufspielen, die sich hin und wieder ein bisserl gehen ließen, aber Carl Zellers Schwung und Süffisanz ohne Wenn und Aber rüberzubringen verstanden.
Gesanglich aufhorchen ließ Verena te Best. Die frisch und resolut auftretende junge Dame hat ihren Namen zu recht. Die gebürtige Welserin gab eine figürlich wie stimmlich exzellente Post-Christel.
Gut aufgelegte Instrumentalisten
Ihr folgt ohne Abstand der Rheinländer Michael Kurz, ein Schüler des großen, vor kurzem verstorbenen Bassisten Kurt Moll. Kurz ist hoch anzurechnen, dass er aus dem „Stanisläuschen“, auf das die kurfürstliche Hofdame Adelaide (Franziska Stanner) ein Auge geworfen hatte, nicht den üblichen konfusen Trottel machte, sondern ihm Anstand und Adel schenkte. Heidi Manser strahlte als Kurfürstin beides aus – und glänzte mit einem perfekten Sopran.
Der Bulgare Ivaylo Guberov gab einen stattlich-derben Baron Weps, der wahr machte, was er am Anfang versprach: „mit allem Drum und Dran“. Als verdattertes Professoren-Duo waren Rudolf Pfister und Thomas Malik zu genießen, der als ausgestopfter Dorf(besser: Doof)schulze den ersten Akt zu lang ausdehnte.
Als Dank für unüberhörbare Bravo-Rufe aus dem begeisterten Publikum servierte das Ensemble noch einmal den „Vogelhändler“-Hit, der andere Hits dieser Operette („Grüß euch Gott, alle miteinander“, „Wia mei Ahndl 20 Jahr“, „No amoi, no amaoi, no amoi“) übertönt: „Schenkt man sich Rosen in Tirol“. Ach, das ging wie Öl runter.