Mühldorf – Lange Schlangen kennt man vor dem Mühldorfer Haberkasten. Doch die am vergangenen Samstagabend war etwas besonderes: kleidungstechnisch etwas bunter als sonst, mit vielen unbekannten Gesichtern und nicht nur, weil sie schon sehr früh über den ganzen Innenhof bis zum Kornkasten reichte, noch früher als sonst. Die Veranstaltung war restlos ausverkauft und die Kennzeichen am Parkplatz haben es verraten: Rock-’n’-Roll-Fans aus ganz Süddeutschland und Österreich waren nach Mühldorf gekommen, um ihn zu sehen: Dr. Kingsize. Da überraschten auch die vielen Petticoat-Röcke und 60er-Jahre-Frisuren im Publikum nicht weiter.
Wenn Dr. Kingsize in die Stadt kommt, dann kommen sie alle: Junge und Junggebliebene, Rock’n’Roll-Fans der ersten Stunde und solche, die später zu dieser Musikrichtung, die mehr ein Lebensgefühl ist, gefunden haben. Mit „Blue suede shoes“ starteten Dr. Kingsize und seine Musiker in den Abend – genau das richtige Lied wohl, um die Zuschauer schon mit den ersten Takten mitzureißen. „Now or never“, „Ring of Fire“, „Walk the line“ oder „Amazing grace“ – Dr. Kingsize & Friends ließen keinen der großen Hits von Elvis Presley, Johnny Cash und den anderen bekannten Namen der Szene aus. Der Abend im Mühldorfer Haberkasten war eine schwungvolle Mischung aus Country, Gospel und Rock’n’Roll. Der Kingsize machte es dabei wie immer: Er nahm sich und die Sache nicht zu ernst, ohne eine Elvis-Karikatur zu werden, plauderte auf Bayerisch, mit dem ein oder anderen amerikanisch-gefärbten „Thank you“-Einwurf und nahm die verbalen Bälle, die ihm aus der ersten Reihe des Publikums zugeworfen wurden auf und kam so auch dem ein oder anderen Songwunsch noch nach.
Dr. Kingsize heißt im richtigen Leben Klaus Kohlpaintner. Im Jahr 1999 betrat der Zahnarzt aus Burghausen die Bühne, damals noch in einer kleinen Burghauser Bar vor einer Hand voll Leuten. Ein Jahr später gewann er bei einem Elvis-Festival in Kanada den ersten Preis in der Klasse der „nicht hauptberuflichen Elvis-Imitatoren“ – von da an tauschte Kohlpaintner immer häufiger den weißen Arztkittel gegen den glitzernden weißen Elvis-Anzug.
Die Hallen, die er füllte, wurden immer größer – Stadtsäle und Theater bis hin zum Krone-Bau in München. Die Altersgrenze für offizielle Elvis-Imitatoren liegt bei 42 – das Alter in dem der King of Rock’n’Roll gestorben ist. Die hat Dr. Kingsize nun doch schon überschritten, ans Aufhören denkt er jedoch noch nicht. Er sieht das anders: Seit sechs Jahren befindet er sich schlicht und ergreifend auf Abschiedstournee, sagt er seinem Publikum.
Nach Mühldorf ist Dr. Kingsize nicht alleine gekommen. Für fast alle seiner Musiker ist der Haberkasten mehr oder weniger ein Heimspiel: Günther Flossmann (Piano), Manfred Brunner (Gitarre), Christof Herder (Kontrabass), Wolfgang Wagner (Drums) und Toni Cardone (Gitarre & Gesang) trugen ihren Teil zu einem gelungenen Elvis-Abend bei. Gerade in der zweiten Hälfte gönnten sie sich und ihrem Publikum kaum eine Verschnaufpause – und eines ist sicher: wäre im Haberkasten ein bisschen mehr Platz gewesen, das ein oder andere Paar hätte sicher ein paar saubere Rock’n’Roll-Figuren auf’s Parkett gelegt.
Die großen Elvis-Hymnen wie „In the ghetto“, „Can’t help falling in love“ und „Jailhouse Rock“ hob sich der Kingsize für die zweite Programmhälfte auf. Der Abend endete mit der wohl fulminantesten und sicherlich längsten Version von „Suspicious minds“, die der Haberkasten je gehört hat – und auf die sicherlich auch der echte Elvis stolz gewesen wäre.