50 Jahre Erziehungsberatungsstelle: Warum ist diese gesetzlich verankerte Hilfe zur Erziehung immer noch zeitgemäß?
Weil Familien, Kinder und Jugendliche das heute dringender denn je brauchen. Gesellschaftliche Entwicklungen gehen immer rasanter und lassen Eltern unsicher und im wahrsten Sinne des Wortes oft „ratlos“ zurück. Da hilft es schon sehr, sich ohne bürokratischen Aufwand und unabhängig vom Geldbeutel lebensnahe, praxisorientierte und dabei fachlich fundierte Hilfe holen zu können.
Wie hat sich die Arbeit der Erziehungsberatung in dieser Zeit verändert?
Die Rahmenbedingungen der EB ermöglichen eine große Flexibilität. Daher war es für uns schon immer an der Tagesordnung, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren. So haben beispielsweise Veränderungen im Familienrecht zur Weiterentwicklung von Beratungsmethoden geführt. Andererseits kam der Impuls, den Blick auf Kinder von psychisch stark belasteten Eltern zu richten, aus der Erziehungsberatung. Das hat zu speziellen Gruppenangeboten für die Kinder und einer stärkeren Vernetzung der Jugendhilfe mit der Erwachsenenpsychiatrie geführt.
Welche Anliegen bewegen die Menschen heute, die sich an die EB wenden?
Die Anliegen sind ähnlich geblieben: Trennung und Scheidung, Verlust und Trauer, die Bewältigung anstehender Entwicklungsschritte wie Kindergarten, Schule, Pubertät, Berufseintritt, psychische und körperliche Erkrankungen, Gewalterfahrungen, Ängste und Traumatisierungen. Durch veränderte Lebensbedingungen verändern sich die Schwerpunkte. So stehen Multiproblembelastungen von Familien im Vordergrund.
Wo liegen für Ihre Einrichtung die besonderen Herausforderungen für die Zukunft?
Seit Beginn meiner Tätigkeit an der EB Mühldorf vor über 30 Jahren habe ich das Selbstverständnis der Beratungsstelle als aktive Gestalterin und Initiatorin im Netzwerk der Jugendhilfelandschaft im Landkreis erlebt. Hier sehe ich die Notwendigkeit, Familien eine klare Orientierung zu geben, wo sie nicht nur weitervermittelt werden, sondern Hilfe tatsächlich bekommen und Fuß fassen können. Das Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen braucht einen Kontrapunkt: Zeit und Raum, um das Leben fassen zu können und Familien Stabilität für die Entwicklung der Kinder zu geben.
An welchen Stellschrauben muss die Politik Ihrer Ansicht nach drehen, um entscheidende Verbesserungen für die Klienten zu erreichen?
Das ist letztendlich die Frage nach einer familienfreundlichen Gesellschaft. Da sind familienverträgliche Arbeitsbedingungen, bezahlbares und kinderfreundliches Wohnumfeld genauso Eckpfeiler wie ganzheitliche Schulbildung. Besonders wichtig erscheint mir jedoch, welcher Wert der Familie aus politischer Sicht zugeschrieben wird: Da geht es nicht nur um Betreuungsmöglichkeiten, sondern in erster Linie darum, dass Eltern unterstützt werden, ihre wichtige Bedeutung und ihren großen Wert, den sie für die Kinder haben, zu erkennen und zu leben.ha