Mühldorf – Groß, schlank, grauer Anzug, weißes Hemd, die grau melierten Haare zu einem asymmetrischen Seitenscheitel frisiert, dazu dunkle Brille und grellrotgeschminkte Lippen: So stand Mathias Tretter, gebürtiger Würzburger und Wahl-Leipziger, auf der Bühne im Haberkasten.
Für den preisgekrönten Kabarettisten könnte man eine eigene Kategorie einführen: Das Trettern. Das beschreibt jemanden, der mühelos mit nur wenigen Atempausen Sprachwitz versprüht, dabei spielend den Wechsel zwischen albernen und anspruchsvollen Inhalten schafft.
Dabei buhlt er nicht um die Sympathien des Publikums, haut keine Pointen raus. Vielmehr mutet er seinen Zuhörern einen Overload an scharfsinnigen, witzigen, mal fantasievollen, gerne auch bitterbösen Wortspielen und spinnerten Verschwörungstheorien zu, manuskriptreif gesprochen.
Der rote Faden durch sein Programm „POP“ sind die Treffen mit seinem imaginären Freund Ansgar: Unterfranke, promovierter Philosoph und mit 44 wieder zurück an der Universität – als Hausmeister in Duisburg. Mit ihm zelebriert er das Retro-Phänomen Windowing. Die Sehnsucht nach den fehlenden Spießern treibt sie an. Ausgestattet mit Doppelripp-Unterhemden, Daunenkissen und Dosenbier machen es sich die beiden auf der Fensterbank im Erdgeschoss der Uni gemütlich und bestaunen das Volk, das sich im Kiosk vis-a-vis eindeckt: „Andere verblöden vor dem Bildschirm, wir vor der Realität.“
Derweil philosophieren sie über Transhumanismus, die Post-Post-Moderne, den Fluch der Unsterblichkeit und „POP“. Das ist die Abkürzung für eine populistische Partei, die sein Freund Ansgar gründen will: Partei ohne Partei. Oder wie Ansgar sagen würde: „Bardei ohne Bardei, Bolidik ohne Bardeiengedue.“ Als Unterfranke hat er es nicht leicht.
„Andere verblöden vor dem Bildschirm, wir vor der Realität.“
Mathias Tretter
In einer Zeit, in der jeder, angespornt durch das Internet, meint, er könne alles, könne Ansgar eben auch Kanzler werden. Laut Tretter leben wir im Zeitalter des Amateurs: „Doch nur weil jemand mehrfach von einer Schule geflogen ist, ist er noch lange kein begnadeter Pilot.“ Etwa Trump, der Präsident werden konnte, ohne je zuvor ein politisches Amt bekleidet zu haben. Es lässt sich ja auch niemand von einem Herzchirurgen operieren, der gerade mal ein Semester Medizin studiert hat – oder?
Wobei – Dilettantismus kann durchaus auch Vorteile haben, etwa beim Thema Sicherheit. Schützenvereine zum Beispiel seien ja mittlerweile besser ausgerüstet als Polizei und Bundeswehr: „Ich plädiere dafür, die äußere Sicherheit den Schützenvereinen zu überlassen. Dann kann sich die Bundeswehr ihren eigentlichen Aufgaben widmen: Der Brauchtumspflege.“ Auch die Art, wie er Religionen quer Beet seziert, ist urkomisch: „Glauben ja, aber bitte an ein Leben vor dem Tod.“
Wenn Tretter erklärt, warum politische Korrektheit zu nichts führt und dass es auch anders geht, klingt das so: „Ich habe einen französischen Freund, der nennt mich grundsätzlich nur Pickelhaube. Und ich sag zu ihm Froschfresser. Und wir lieben uns wie Schwuchteln.“ Moralhygiene ist nicht seins.
Aber wirklich politisch will er nicht sein. Politiker werden überwertet, bei Tretter wird selbst Trump zur Popfigur. Die Diktatoren unserer Zeit säßen sowieso in der Chefetage von Amazon, Google, Facebook & Co.
Den begeisterten Schlussapplaus nahm er dankend entgegen, eine Zugabe gab es nicht. Musste auch nicht sein: Gesagt hatte er wahrlich genug.