Mühldorf – Die Erinnerung fällt Dorothea Leer auch nach so vielen Jahren nicht leicht. Die Ereignisse haben Spuren hinterlassen. Und wer ihre Geschichte hört, wundert sich, dass sie heute so offen darüber sprechen kann.
Die erste Krise kam 2009. Von heute auf morgen packte ihr damaliger Ehemann die Sachen und zog zu Hause aus. „Alles ging so schnell, für mich brach eine Welt zusammen.“ Über zehn Jahre lang hatten die beiden in der Nähe von Hamburg gelebt, zwei Kinder bekommen. „Wir lebten in einem Haus mit Garten, hatten Freunde und Bekannte. Mit einem Mal war alles vorbei.“ Schlimmer noch: In den Wochen nach dem Auszug eskalierte der Streit mit ihrem Ex-Mann, die beiden Kinder litten massiv unter der Trennung. Als die Drohungen immer massiver wurden, sah Dorothea Leer nur noch einen Ausweg: „Über Nacht packte ich mit meinen Kindern das Auto voll und verließ Hamburg.“ Die Fahrt ging zurück in die Heimat nach Bayern. Hier, im Landkreis Mühldorf, zog sie in das Haus ihrer Eltern. Gleichzeitig erkannte sie, dass sie und ihre Kinder auch psychologische Hilfe brauchen, um die schmerzhafte Scheidung und den Abschied aus der gewohnten Umgebung zu verarbeiten. „Eine Freundin hat mir die Erziehungsberatung empfohlen. Ein paar Tage später hatte ich einen Termin.“ Spielerisch arbeiteten die Kinder zunächst die Trennung in Einzelsprechstunden auf. Später ging es auch darum, die Besuche beim Vater in Hamburg vor- und nachzubereiten. „Hier haben wir uns nach dem Chaos wieder sortiert.“
Drei Jahre später wandte sich Dorothea Leer erneut an die Erziehungsberatungsstelle. „Damals wollte mein Mann vor Gericht erwirken, dass die Kinder zu ihm ziehen und versuchte massiv, Einfluss auf die Kinder zu nehmen.“ Mit Blick auf den drohenden Rechtsstreit besuchte sie mit ihren Kindern mehrere Sprechstunden und holte sich zugleich Rat für die juristische Auseinandersetzung mit ihrem Ex-Mann. „Dabei spielen in meinen Augen zwei Faktoren eine entscheidende Rolle“, sagt die 42-Jährige. „Zum einen ist der Dienst der Caritas unabhängig und tendiert weder zur einen noch zur anderen Seite. Es geht hier immer um das Wohl der Kinder. Zum anderen haben die Mitarbeiter reichlich Erfahrung mit ähnlichen Fällen und können die Konsequenzen für die Kinder gut einschätzen.“
2017 folgte dann die nächste Krise. „Mein Ex-Mann erkrankte schwer an Krebs“, erzählt Dorothea Leer. „Ich wusste, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Aber ich wusste nicht, wie ich den Kindern nach all den Strapazen der letzten Jahre das auch noch beibringen soll.“ Wieder habe sie die Erziehungsberatungsstelle um Rat gefragt. In den Sprechstunden fanden Mutter und Kinder die nötige Ruhe und den passenden Rahmen, um mit der Situation umzugehen.
„Reden hilft“, sagt Dorothea Leer und blickt damit auf ihre gesamten Erfahrungen mit der Beratungsstelle zurück. „Ich glaube, dass viele Menschen noch immer Angst davor haben, sich Hilfe und Unterstützung von außen zu holen.“ Dabei sei das völlig unbegründet. „Meine Familie war ein Schiff im Sturm. Dank eines erfahrenen Lotsen haben wir mit ein paar Beulen und Schrammen den Weg zurück in ruhige Gewässer gefunden.“