Das Tier am Klavier

von Redaktion

Bayerische Musiker prägen die 18. Auflage der Boogie-Nacht in Töging – allen voran Christian Willisohn

Töging – Die 18. Boogie- Woogie-Nacht in der Töginger Kantine wird als bayerischer Abend in die Festival-Geschichte eingehen. Schließlich kamen fast alle Musiker des Abends aus dem Freistaat.

Ein echtes Heimspiel feierte gleich die erste Künstlerin des Abends: Die elfjährige Luisa Wimmer aus Töging ist Musikschülerin von Christian Gumbiller und zeigte vom ersten Ton an, wie der Boogie Woogie in seiner ursprünglichen Form klingen soll: mit rollenden Bässen aus der linken Hand und melodischen, mit Trillern und Tremoli durchsetzten Rhythmen der rechten Hand.

Der Zweite in der Reihe war Gastgeber Gumbiller selbst. Der Töginger Lokalmatador eröffnete schwungvoll-fröhlich mit zwei Stücken aus den Anfängen der Boogie-Woogie-Ära, die an die alten Stummfilmklassiker erinnerten. Mit „Georgia on my mind“ folgte eine ruhige und getragene Bluesballade von Ray Charles. Etwas flotter wurde es schließlich mit „Five Spot Stomp“, einem Stück von Gumbillers Idol Axel Zwingenberger, bevor er mit dem Stück „Just For You“ wieder zartere Töne anschlug – in seiner eigenen Interpretation mit deutlichen Akzenten in der Melodie. Dann aber galoppierte Gumbiller los, mit einem Stück von Albert Hammond war er wieder bei den rollenden Bässen und den tanzenden Fingern in den höheren Tönen. Das Wechselspiel zwischen schnellen und langsamen Tempi beherrscht der Töginger perfekt, was er in seinem letzten Stück „Gumbies Boogie“, einer Eigenkomposition, noch einmal eindrucksvoll demonstrierte.

Anschließend konzentrierte sich das Scheinwerferlicht auf Matthias Heiligensetzer aus dem Allgäu, der seinen Boogie mal im Rock ’n’ Roll, mal in der Klassik verortet. So stand bei Heiligensetzer nach dem fröhlichen „Night Train“ das Weihnachtslied eines russischen Komponisten auf dem Programm. Aus dem „Nutrocker“, dem „Nußknacker“ von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow, wurde unter seiner Regie eine wunderbare Boogie-Woogie-Version mit ordentlich viel Tempo und ganz ohne Nuss.

Mit Ulrike Hausmann trat schließlich eine der wenigen weiblichen Pianisten der Szene auf. Die Dresdnerin zeigte von Anfang an, dass ihre musikalische Stärke in ihrer linken Hand liegt. Stets setzte sie der Grundmelodie kräftige Bässe mit regelmäßigen Staccati entgegen. So nahm sie bei ihrer Eigenkomposition „Cambrai C“ den temporeich rollenden Bässen mit sehr bewusst gesetzten Melodien die Fahrt raus, was dem Stück angesichts des ständig treibenden Basses eine sehr spannungsreiche Note verlieh. Bemerkenswert: Mit Ausnahme des „Boogie Woogie Prayer“ präsentierte Hausmann nur selbst komponierte Stücke.

Nach der Pause schlug dann die Stunde von Christian Willisohn. Seine Karriere begann vor 30 Jahren in der Münchener Clubszene, seine musikalischen Wurzeln liegen im Blues. Der Auftakt: eine ruhige Nummer, ganz ohne Boogie Woogie, aber mit kräftigem Gesang und rauchig klingender Stimme. Auch das folgende „Have a Little Faith in me“ war ein getragenes Klavierstück. Willisohn verstand es hervorragend, ein spannungs- und abwechslungsreiches Programm aufzustellen, indem er Ausflüge in Jazz- und Bluesharmonien unternahm. Aber natürlich kann Willisohn auch Boogie Woogie – und wie! Temporeich rollten die Bässe, der Fuß klopfte ordentlich mit, die Stimme kratzte, das Piano galoppierte. Willisohn ist ein Tier am Klavier, das die Finger in einem atemberaubenden Tempo über die Tastatur wandern lässt. Ein meisterhafter Auftritt. Der abwechslungsreiche Abend gipfelte – wie immer – in einem fulminanten Finale mit allen Künstlern. Zum Schluss blieb nur noch die spannende Frage: Was wird es im nächsten Jahr bei der Boogie-Nacht geben?

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