Sich selbst ein Fremder

von Redaktion

Starke Botschaften: Das Schauspiel „Geächtet“ überzeugte im Haus der Kultur in jederlei Hinsicht

Waldkraiburg – Es ist ein Aufschrei gegen das eindimensionale Denken in unserer Gesellschaft: Das Schauspiel „Geächtet“ von Ayad Akhtar, das vom Ensemble Altes Schauspielhaus Stuttgart im Haus der Kultur gezeigt wurde, sprach hochbrisante Themen an und verpasste den Zuschauern zugleich erfreulich unkonventionelle Denkanstöße.

Genau das war der Plan des US-amerikanischen Dramatikers Ayad Akhtar. Sein Stück räumt auf mit jeder Art von Vorurteilen, beleuchtet die Spannungsfelder zwischen den unterschiedlichen Kulturen – ohne je Stellung zu beziehen. Damit unterstreicht es die Tatsache, dass es keine „einfachen Lösungen“ im Konflikt zwischen muslimischen Einwanderern und amerikanischen oder europäischen Bürgern gibt.

Die Besetzung der Rollen ist dabei derart gut gelungen, dass der Zuschauer bald vergisst, dass Schauspieler auf der Bühne stehen. Vielmehr fühlt er sich als Zeuge eines zwischenmenschlichen „Dramas“, das sich just in diesem Moment abspielt: Ein interkulturelles Dilemma, das berührt, empört, überrascht, beängstigt und vor allem genau das tut, was gehaltvolles Theater erreichen soll – es öffnet dem Publikum neue Blickwinkel.

Der Inhalt des Stücks zeigt aus der Sicht des US-amerikanischen Wirtschaftsanwalts Amir (Patrick Khatami), welch offenbar unüberwindbare Hürden seine islamische Herkunft im täglichen Leben in den USA mit sich bringt. Längst hat er sich vom Koran losgesagt, verleugnet, ja verteufelt – beruflich wie privat – alles, was mit dem Islam zusammenhängt, und hält sich so für einen gleichberechtigten amerikanischen Bürger. Unbeschwert und aufstrebend lebt er den „American Dream“. Seine Frau Emily (Natalie O’Hara) hingegen fühlt sich zur „Schönheit und Weisheit“ der islamischen Kultur hingezogen, verherrlicht mit verklärtem Blick von außen und blendet umstrittene Fakten aus. Ein wachsendes Konfliktpotenzial. Emily fühlt sich als Kunstmalerin von der alten Kultur inspiriert und ist, wie sich herausstellt, gerade deshalb erfolgreich. Anfänglich harmlos provozierende Bemerkungen münden, ausgerechnet bei einem geplant lockeren Dinner mit Amirs afroamerikanischer Kollegin Jory (Jillian Anthony) und deren jüdischem Ehemann Isaac (Markus Angenvorth), in eine handfeste Diskussion.

Langsam entpuppt sich die Meinungsverschiedenheit zu einem heftigen Streit: Jeder hat eben seine Leichen im Keller. Als Amir erfährt, dass Anwaltskollegin Jory auf den Posten befördert wird, der ihm versprochen war und seine Frau Emily ihn mit Jorys Mann Isaak betrogen hat, schlägt die „Selffulfilling Prophecy“ gnadenlos zu. Amir wird genau zu dem, was er keinesfalls sein will, was aber alle in ihm sehen.

Seine unbewusste Überkompensation, die sich in einem Akt der Gewalt entlädt, sprengt sein Leben. Im dramatischen Showdown geht schließlich alles zu Bruch. Amir bleibt allein zurück – tief traurig, resigniert und einsam. Die Aussage seines Neffen Abe (Mark Harvey Mühlemann), der vor seiner Namensänderung Hussein hieß, scheint sich zu bewahrheiten: „Du glaubst, die Leute in diesem Land mögen dich mehr, wenn du wirst wie sie. Tun sie aber nicht. Sie denken bloß, dass du dich selbst hasst. Und sie haben recht.“

Ein „sich selbst fremder“ unter Fremden. Vorurteile werden Wirklichkeit. Keine einfachen Lösungen, kein Patentrezept bekommt das von der darstellerischen Leistung und inszinatorischen Umsetzung (Regie Karin Boyd) restlos begeisterte Publikum. Eine Botschaft erhält es trotzdem: Amir war auf einem Irrweg. Ein Held war er trotzdem. Denn er machte sich auf „einen Weg“, suchte, wenn auch kontraproduktiv, integrative Lösungen für den Prozess der Identitätsbildung. „Mir steckt der Islam tief in den Knochen“, muss er zugeben und erkennt, dass es klüger ist, damit anstatt dagegen zu arbeiten. Ein tolles Schauspiel.

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