Auf Entschleunigungskurs

von Redaktion

In Waldkraiburg imponierte die Opera Romana mit einer stimmigen Lesart von Bizets „Perlenfischern“

Waldkraiburg – Viele Gründe sprechen dafür, in die Oper zu gehen. Der wohl am wenigsten bekannte: Oper hilft entschleunigen. Nicht jedes musikdramatische Werk hält für diese Motivation her, im Gegenteil: Die meisten Opern wühlen auf. Das fängt bei Monteverdis „Ulisse“ an und endet noch nicht einmal bei Zimmermanns „Soldaten“. Auch „Carmen“ ist in höchstem Maß aufregend, legt die Nerven bis zur Ermordung der Titelheldin blank. „Carmen“ komponierte Georges Bizet. Sein berühmtestes Bühnenwerk liegt nach wie vor an der Spitze der meistgespielten Opern überhaupt.

Dass dieser Bizet mit 24 Jahren eine Oper schuf, die das Renommee seiner „Carmen“ schon bei der Uraufführung 1863 nicht erreichte und bis heute nicht erreichen konnte, ist Fakt. „Die Perlenfischer“, deren Partitur ihrem Komponisten, wie Berlioz 1863 sagte, „die größte Ehre“ machte, führen noch immer ein Schattendasein. Weil sie zu wenig aufregend sind? Eher dahinplätschern und eine müde Story um bedingungslose Freundschaft und Liebes-Verzicht, Keuschheitsgelübde und Lebens-Verzicht erzählen? Und das obendrein in einer Fernost-Kulisse, in der es um das Hinabtauchen in die das alte Ceylon umgebenden Meeresfluten geht, um ihnen die Kostbarkeiten zu entreißen, mit denen sich besonders gerne Frauen schmücken.

Entschleunigend, zugleich aber stimmig wirkte die von Loiseleur des Longchamps inszenierte Version der „Perlenfischer“, mit der die ambitionierte Opera Romana in französischer Originalsprache und einladender Bühneneinrichtung und Kostümierung in Waldkraiburgs Haus der Kultur gastierte, bevor sie weiterzog nach Germering. Sie wird den Umzug gemächlich machen – nach all dem, was von ihr in der „Stadt im Grünen“ zu sehen und zu hören war.

Schon das allzu träumerische Vorspiel diente den Zuhörenden nicht unbedingt dazu, sich auf das Bühnengeschehen in spe einzulassen. Doch kaum gab der Vorhang den Blick auf Rasvan Draganescus Bühnenbild frei, war man angetan: pittoresk, märchenhaft, geschmackvoll.

Dazu ein gemischter Chor junger harpunentragender Fischer und buntgewandeter schöner lachender Mädchen – und dann gleich der forsche Auftritt des fabelhaften Oreste Cosimo, der den Nadir gab. Ein Kerlchen wie man es sich für diese Rolle wünscht, geschmeidig, gewinnend und, bei aller inneren Erregung, gelassen. Cosimos unverbrauchter Tenor gibt zu schönsten Hoffnungen Anlass. Sein Nadir ließ die Steifheit und Farblosigkeit des gerade zum „König“ der Fischer gewählten Freundes und – wie sich im Lauf der der Handlung zeigt – Gegners Zurga vergessen.

Erst im letzten Akt wurde auch der raue Bariton des Francesco Baiocchi zum kleinen Hör-Event, der mit den präsenten Chorsängern und Tänzerinnen unter dem Applaus des von der imponierenden Gesamtleistung dieses Gastspiels hörbar beeindruckten Publikums gefeiert werden konnte.

Freilich galt dessen ungeteilte Aufmerksamkeit der überlegenen Schönheit und Eleganz der Bajadere Leila, aus deren langem Unschulds-Schleier sich das „Würstchen“ Nadir erst auszuwickeln hatte, um in der Traumfrau die einst heiß Geliebte und nun erst recht wieder flammend Begehrte zu erkennen. Leila wurde von Renata Vari tadellos, hell und rein gesungen.

Die Entschleunigung des einen oder anderen vielleicht nervös gewordenen Zuschauers gelang dieser blendenden Erscheinung voll und ganz. Da war es dann auch egal, auf „wilde Küstenlandschaft“, Tempelruinen und ein in Brand gestecktes Zurga-Zeltlager – wie es das Libretto vorgibt – verzichtet haben zu müssen. Selbst die störenden Übersetzungsfehler der Übertitel waren da nur Peanuts.

Schön, dass der Schlussbeifall auch den Dirigenten Dumitru Carciumaru mitmeinte. Seine kleine Graben-Mannschaft gab – nach, wie gesagt, eher einschläfernder Introduktion – dann doch noch ganz schön Pep – die Hörner ausgenommen, teilweise auch die ersten Geigen. Die blieben beharrlich auf Entschleunigungskurs.

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