Ohne angenehmes Mordgeschrei

von Redaktion

Bachs selten gespielte Markus-Passion eröffnet in Burghausen die diesjährigen Nachtstücke

„Herr, ich habe missgehandelt,/Ja, mich drückt der Sünden Last,/Ich bin nicht den Weg gewandelt,/Den du mir gezeiget hast,/Und jetzt wollt ich gern aus Schrecken/Mich für deinen Zorn verstecken.“ – Fürwahr, diese Sprache verstehen wir kaum. So wurde 1731 zu Leipzig geredet. So schrieb Picander, wie sich Johann Sebastian Bachs Kantaten- und Passionen-Textlieferant Christian Friedrich Henrici als Poet nannte. Für unsere Ohren eine Zumutung, diese verschnörkelte Rede, die sich gedruckt noch einmal querstellt? Gesungen wird das Geschnörkele zur Nebensache. Hörende achten weniger aufs Bibel-Barock als auf die ihm pulsierend unterlegte genial kontrapunktische Musik.

Hierzu gab der bienenfleißige junge André Gold, Groß-Kantor, Chorflüsterer und Starorganist mit Wurzeln im Altöttinger Landkreis, Gelegenheit. Mit seinem „Euregio-Kammerchor“, dem „Ensemble La Banda, München“, drei Solisten und einem Sprecher führte er in der Aula des Kurfürst-Maximilian-Gymnasiums Burghausen die selten zu erlebende, selbst Kennern wenig geläufige Bach`sche „Markus-Passion“ auf. In einer Fassung, die schon wegen der Besetzung des Evangelisten-Parts mit einem Sprecher aus dem Rahmen fällt.

Leider erfährt man im aufwendig gedruckten Programmblatt – der „Nachtstücke“ wegen nachtblau grundiert, ohne Möglichkeit, etwas anzustreichen – nichts über die merkwürdige Geschichte und rare Rolle der auf die Minute anderthalbstündigen Bach-Passion. Bedauerlich, einen fehlergespickten Blatt-Text vor sich zu haben.

Er geht selten konform mit dem, was der Berliner Schauspieler Noredin Taabni mit heiligem Ernst gemessen halbszenisch vortrug. Taabni scheute sich etwa nicht, das barocke „füglich“ in „folglich“ zu wenden. In der ersten der oft langen, von ihm beeindruckend und berührend gegebenen Evangelisten-Passagen wich das Vorgelesene in nahezu jeder Zeile vom Mitgelesenen ab. Wenn schon der Aufwand, dann auch – ein fähiger Kurfürstlicher Gymnasiast hätte das für ein paar Euro geschafft – bitte: fehlerfreie Lieferung!

Warum dem Publikum die Aria „Angenehmes Mordgeschrei“ vorenthalten wurde, kann wohl nur der Initiator André Gold beantworten. Chöre und Choräle waren weder Mordgeschrei noch unangenehm – auch wenn die zwölf Damen und acht Herren, genau genommen, erst im Chorus „Bei Deinem Grab und Leichenstein“ das Format erreichten, welches der Dramatik des Werks voll entsprach. Die quantitativ spärlichen Soli hielten qualitativ nicht ganz das, was die sehr detaillierten Viten von Judith Spiesser, Sopran, Ulrike Malotta, Alt und Qwon Han, Tenor erwarten ließen. Mit dem Münchner Ensemble „La Banda“ hatte Gold eine seinem Namen entsprechende richtige Entscheidung getroffen: satter, farbiger, austarierter Orchester-Wohlklang von Instrumenten, die, meisterlich bearbeitet, gefühlt antik anmuteten – kein Wunder, dass die (Ab-) Stimmung einige Minuten beanspruchte.

André Gold verstand es, den ihm gewohnt ergebenen überschaubaren Apparat zu motivieren und ihn stets musikdramatisch zu steigern. Er hat sich mit der Präsentation eines seltenen Barock-Werks protestantisch-geistlicher Musik im Rahmen der „Nachtstücke“ dank des überdurchschnittlichen Könnens all der engagierten Mitwirkenden verdient gemacht. Ob es, nachdem die Bach-Passionen nach Matthäus und Johannes weltberühmt wurden, neben dieser Markus- auch eine noch geheime Lukas-Passion gibt? Wenn – dann gräbt sie niemand anderes für die Inn-Salzach-Region aus als Gold.

Die weiteren Nachtstücke

Samstag, 14. April, 20 Uhr, Kloster Zangberg: Klavierabend mit Michael Frohnmeyer mit vier großen Sonaten von Beethoven: „Pastorale“, „Sturm“, „Waldstein“ und „Appassionata“

Samstag, 5. Mai, 20 Uhr, Pfarrsaal Haag: Kammermusik mit Rudens Turku, Violine; Jakob Spahn, Violoncello; Michael Frohnmeyer, Klavier. Programm: Joseph Haydn, Duo für Violine und Cello Hob VI : DI, Leos Janácek, „Märchen“ für Cello und Klavier; Benjamin Britten, 3. Suite für Cello solo op 87 (1971); Bedrich Smetana, Trio g-moll op. 15

Sonntag, 13. Mai, 19.30 Uhr, in St. Magdalena in Altötting: Konzert am Muttertag mit dem Euregio-Kammerchor, Michael Frohnmeyer, Klavier, und André Gold, Dirigent.

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