Altötting – Betagte Künstler reisen gern. Weniger aus Neugier oder Spaß als um ihrer Werke willen. Mit einem kleinen Unterschied. Der Schriftsteller promotet seinen frisch gedruckten Roman, wie der 91-jährige Martin Walser kürzlich im Münchner Literaturhaus, der Maler aber präsentiert weiter zurückliegend Fabriziertes, wie der 80-jährige Nikolaus Hipp soeben in der Stadtgalerie Altötting. Der macht es wie es sein fast gleichaltriger Kollege Willy Reichert neulich in Ampfing: Er erscheint zur Vernissage, nimmt, eher resignativ als animiert, im Sessel Platz und rührt sich die ganze lange Eröffnungsveranstaltung mit keinem Wort, um es an die Gäste zu richten. Vielmehr lässt er einen jüngeren Menschen vors Mikro treten, damit er verkünde, mit wem man es hier zu tun hat, welch verdienstvollem Zeitgenossen der Malkunst man das Vergnügen hat.
Um bei Nikolaus Hipps „Bilderwelten“ – so der Titel der „hippen“ Schau – einzutauchen, übernahm die Kuratorin Martina Marschall den Part der Aufklärung. Über den Künstler konnte man schon auf der Einladungskarte das Wichtigste lesen: geborener Münchner, neben dem mit der Promotion abgeschlossenen Jurastudium künstlerische Ausbildung bei und Meisterschüler von Heinrich Kropp, mit knapp 30 Jahren Übernahme der Geschäftsleitung im Familienunternehmen Hipp, Kunsterzieher, Prager Franz-Kafka-Kunstpreisträger für Malerei, ordentlicher Kunstakademie-Professor in Tbilisi mit Lehraufträgen ebendort wie an der KU Eichstätt, FH Ansbach und Aschauer Sommerakademie. Viele regionale Kunstfreunde kennen Hipp als Bühnenbildner für die Operninszenierungen auf Gut Immling. „Der Freischütz“ ist in diesem Juli dran.
Hipp und Reichert können sich stilistisch die Hände reichen, zumal sie beide, Hipp allerdings stärker und eindeutiger, der Abstraktion das Wort reden. Bei Hipp, der sich an Fritz Winter orientierte, geht das so weit, dass er – mit einer einzigen Ausnahme – keines seiner Bilder betitelt. Die Freiheit des Betrachters ist sein Hauptanliegen: Jeder soll sich selbst sein „Bild“ aus den „Welten“ herausfischen. Vor dem Lieblings-Bild solle er dann verweilen, es sich selbst deuten, auf seine eigenen Gedanken und spontanen Einfälle hören, in einen Dialog mit dem Geschauten treten dürfen.
Hipps hohe Ästhetik und seine zumal in den großformatigen Ölbildern eklatanten Farb-Striche sind das eine. Hinzu sollte immer auch „eine soziale Komponente“ kommen. Die Welt, die Hipp voller Hässlichkeit vorfindet, konfrontiert er mit ethischen Werten und katholischer Tradition, wie kein anderer seiner Künstlerkollegen, mit Gegenentwürfen, kleinen Bild-Kosmen, die in sich ruhen. Diese könnten nicht anders als ungegenständlich ausfallen. „In der Gegenstandslosigkeit findet der Betrachter die allergrößte Freiheit“, sagte Martina Marschall. Sie lud zur individuellen Entdeckungstour zu den gut 60 aufgehängten Ölbildern, Aquarellen und Lithografien ein.
Die Ausstellung
dauert bis 3. Juni. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag von 14 bis 17 Uhr, Sonntag/Feiertag von 11 bis 16 Uhr. Am 3. Juni, 15 Uhr, Kuratorenführung mit Dr. Martina Marschall
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