Von Pflichten und Menschlichkeit

von Redaktion

Eine beeindruckende „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz – und stehende Ovationen für das Agon Theater

Waldkraiburg – Gute Geschichten zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur vor dem Hintergrund ihrer Entstehung gelesen werden können, sondern auch in der Gegenwart relevant, spannend und berührend sind. Sigfried Lenz‘ Deutschstunde ist beides: ein Roman für das Erinnern, für die Aufarbeitung, für die Menschlichkeit. Gegen das Vergessen muss er aber immer wieder neu adaptiert, gelesen, gesehen und verstanden werden –heute mehr denn je seit seiner Entstehung.

Stefan Zimmermann, dem Gründer des Agon Theaters in München, Autor und Regisseur der Bühnenfassung, gelingt dies in der aktuellen Produktion, die am Freitagabend im Haus der Kultur zu sehen war, meisterhaft. Auf das Wesentliche eingedampft, mit messerscharfen Figuren und eingängigen Textpassagen adaptierte er den großen Roman passend für die Bühne. Das Publikum honorierte die eindrückliche Aufführung mit stehenden Ovationen.

Den Rahmen für die eigentliche Handlung bildet einer Jugendbesserungsanstalt nach dem Krieg. Siggi Jepsen soll dort, eingesperrt für Kunstraub, einen Aufsatz über „die Freuden der Pflicht“ schreiben. Der Aufsatz wird zu einem viele Hefte umfassenden Bericht über Siggis Erlebnisse während des Krieges, als er noch ein Kind war. Sein Vater, der Dorfpolizist Jens Jepsen, soll seinem Jugendfreund Max Nansen gegenüber ein Malverbot und die Beschlagnahmung all seiner bisher gemalten Bilder durchsetzen und tut dies auch pflichtschuldigst. Nach dem Krieg kann er mit der existenziell gewordenen Aufgabe nicht aufhören und verliert im Zuge seiner „Pflichterfüllung“ alle drei Kinder.

Die ganze Zeit über sitzt Siggi im Vordergrund der Bühne an seinem Schreibtisch, immer wieder spricht er mit anderen aus der Jetzt-Zeit, nimmt aber auch an der Handlung in der Vergangenheit teil, aber ohne körperlich in sie einzugreifen – ein schönes, sehr klares Konzept für die Handlung auf verschiedenen Ebenen. Untermalt von hämmernden, industriellen Klängen trägt auch das Bühnenbild die unterschwellige Botschaft: hinter all dem steckt mehr als man auf den ersten Blick sieht. Ja, Pflicht ist das eine, aber vor allem geht es um Menschlichkeit, gerade auch, als Jens Kinder eines nach dem anderen sich Max zuwenden und von Jens verstoßen werden.

Max Volkert Martens gibt Max Nansen einen wunderbaren Anstrich von Leidenschaft und Freiheitswillen, mit dem er seiner Malerei mit allen Mitteln nachgeht, selbst wenn er seine Bilder nur noch unsichtbar malen kann. Obwohl Georg Stephan seinen Siggi Jepsen oberschülerhaft farblos darstellt, seine Reflektion trägt die gesamte Geschichte. Er wirkt manchmal wie ein Gegenstück zu seinem Vater: so wie der nicht anders kann als seine Pflicht zu tun, kann Siggi nicht anders als die Bilder zu retten. Später muss er dann immer weiter schreiben, kann nicht damit aufhören bis er fertig ist. Ein Mensch, mitgerissen von den Ereignissen.

Weil die Geschichte von Pflicht und Freiheit, von Mut und Menschlichkeit noch so aktuell ist, entwickelt Zimmermanns Bühnenfassung eine solche Eindringlichkeit. Getragen von großartigen Schauspielleistungen und einem interessanten Ebenenspiel überzeugte das Stück die zahlreichen Besucher aus der ganzen Region.

Wie war’s?

Helga Nestle, Mühldorf: „Das Stück hat mir gut gefallen. So ist einfach das Leben, es wurde nach allen Richtungen beleuchtet, das hat Regisseur Stefan Zimmermann gut abgelauscht. Das Stück hat es so dargestellt, wie es eben manchmal ist.“

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