Aschau – Oben auf der Bühne hämmern die Musiker basslastig „Killing in the Name Of“ raus, während Sepp Asanger mit hochgestrecktem Mittelfinger ein „Fuck you, I won’t do what you tell me“ durch das Mikro grölt, lauthals unterstützt von Hunderten Fans, die in Heavy-Metal-Manier die Finger in die Luft recken. Heavy Metal? Zum Teil. Handelt es sich doch in erster Linie um Blechblasinstrumente, die zum Auftakt des Brass-Festivals im Aschauer Stadl am Freitagabend bravourös beherrscht wurden.
Virtuose Rebellen sind die Kapelle Josef Menzl, die „Musikatzen“ oder „Bro7“: Sie alle lehnen sich gegen die volkstümliche Musik auf, gehen zurück zu den Wurzeln, um bekannte Themen in meisterhaftem Spiel aufzubereiten, oder kreieren posaunen- und trompetenkompatible Hits aus den Charts. Man merkt: Diese neue Bewegung hat nach dem ersten LaBrassBanda-Hipe und dem Woodstock der Blasmusik in Österreich nun auch im Landkreis Mühldorf Fuß gefasst.
Blasmusik ist wieder Kult! Weil sie auf hohem musikalischen Niveau geschieht. Und weil die Texte des althergebrachten derben Liedguts im krassen Gegensatz dazu stehen. Keiner macht das besser als die Truppe um den Klarinettisten Josef Menzl. Da grölt schon um kurz vor 19 Uhr der gesamte Stadl mit, wenn es heißt „Oide kaaf ma a Zipfehaum“. Menzl animiert bei „Rehragout“ und brilliert später mit astreinem Klezmer, auch wenn er den Klassiker „Bei mir bist du scheen“ in „Mit Bier bist du scheen!“ umtextet – den jazzigen Scatgesang ersetzt er durch Jodeln. Grandioses Finale: Als Michael „Hopfe“ Hopfensberger seine „carbonverstärkte Siliciumkarbid-Trommel mit Helium-Argon Gasmischung“ (Josef Menzl) fast zertrümmert.
„Alles für die Katz‘“ hieß es anschließend bei den Musikatzen, die ihre neue gleichnamige CD im Stadl vorstellten. Das ist zunächst mal traditionelle Blasmusik für Solisten, die mit bewundernswerter Technik die Finger über die Klappen und Ventile ihrer Instrumente tanzen lassen. Dann aber gibt es Jubel im Saal, wenn das Ensemble mit „Bud & Terence“ bekannte Stücke aus den Hau-drauf-Filmen der 70er bringen. Phil-Collins-Klassiker heizen die Stimmung immer weiter an, die schließlich in der Blasmusikvariation der Kinderserie „Die Gummibärenbande“ gipfelt.
Spätestens bei „Brooklyn“ schlägt dann die Stunde von Martin Stadler. Schon in Menzls Kapelle mit Tenorhorn dabei, liefert er diesmal bei den Musikatzen mit der Posaune seine 100 Prozent. Keine Müdigkeit, lupenreine Töne, bis er sogar Gesang und Spiel kombiniert und dabei scratcht wie auf einem Plattenteller. Dabei wartet der Oberbergkirchener mit einem offenbar unzerstörbaren Ansatz auf. Denn als zum Schluss die Salzburger Combo „Bro7“ auf die Bühne tritt, hat Stadler lediglich das Hemd gegen ein T-Shirt getauscht. Wieder spielt er die Soli der sieben Mann starken Kapelle, die sich Hits und Rockklassikern verschrieben hat. Zur Journey-Nummer „Don’t Stop Believin‘“ geht die tanzende Menge in Dirndlgewand und Krachlederner ebenso ab wie beim Mika-Hit „Grace Kelly“ oder der Titelmelodie von „Baywatch“. Den sensationellen Sound, den die Sieben auf der Bühne liefern, verdanken sie nicht zuletzt der exzellenten Arbeit von Matthias Hoffmann am Mischpult.
Schlag Mitternacht ist Schluss im Stadl, zur Aftershow-Party geht es dann in den Gärkeller der Brauerei Ametsbichler, wo auch die Stimmung weiter gärt zur Musik der „Berghamer Tanzlmusi“.
Endlich Pause für Martin Stadler nach sechs Stunden Einsatz? Denkste. Auch hier mischt er kräftig mit, bis spät in die Nacht. Und auch danach hat seine Posaune keine Pause. Bei „Pro Solist’y“ am Samstag sowie die „12er Blos’n“ und bei der „Holzfrei Böhmischen“ am Sonntag (siehe Berichte unten) bläst der Posaunist ebenso kräftig mit. Und man fragt sich spätestens nach dem Frühschoppen: Warum heißt der Stadl-Brass eigentlich nicht Stadler-Brass?