Waldkraiburg – Es gibt diese Menschen, die ein wenig zeitlos wirken, so, als hätten sie zum Älterwerden keine Zeit. Irmi Seidl gehört dazu. Vor Kurzem ist sie 80 Jahre alt geworden und steckt immer noch voller Ideen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man der Künstlerin ihr Alter nicht ansieht. Oder es liegt einfach nur daran, dass sie so strahlt, wenn sie über ihre Arbeit erzählt. „Das Leben ist immer noch toll“, sagt sie und lacht. Sie zitiert gerne Rilke und hört beim Arbeiten am liebsten Vivaldi.
Dabei war ihre Kindheit alles andere als einfach. Geboren wurde sie 1938 in Warnsdorf im Sudetenland. Mit sieben Jahren musste sie mit ihrer Mutter und vier Geschwistern von dort fliehen und landete in Schwaben, wo sie auf einem Bauernhof getrennt vom Rest ihrer Familie arbeiten musste: Kühe hüten oder Heu mit der Forke aufklauben. Über diese harte Zeit erzählte sie Schülern zusammen mit zwei weiteren Zeitzeuginnen im Haus der Kultur. „Das ist für jüngere Generationen schwer vorstellbar.“ Natürlich war diese Zeit für sie prägend, aber Irmi Seidl mag sich nicht mit dem Rückwärtsgewandten aufhalten, sondern orientiert sich am Hier und Jetzt.
„Atem holen“, überhaupt eine positive Einstellung, die sie nicht zuletzt aus ihrem Glauben schöpft, sind Themen, die sich durch ihre Arbeiten ziehen. Es sind farbenfrohe, oftmals von der Natur und der bilderreichen Sprache der Bibel orientierte expressive Arbeiten.
In der Region bekannt geworden ist die Waldkraiburgerin durch ihre Altarbilder, Bildergruppen und Raumgestaltungen. Ihre Werke hängen unter anderem in ihrer Heimatpfarrkirche Maria-Schutz sowie in der Kirche in Niederbergkirchen, im Kloster Armstorf und im Kloster St. Theresia in Stadl. Sie hat zudem Abschiedsräume in Waldkraiburg und Mühldorf gestaltet und für rund 25 Kreuze in der Region Entwürfe angefertigt und ausgeführt: „Das Kreuz ist ein wunderbares Symbol, eine Einladung: Komm, wenn du willst, ich bin da“, so Irmi Seidl. Hinzu kommen zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen. Auch für ein Hilfsprojekt ihrer Pfarrgemeinde für Sri Lanka hat sie Schmuck entworfen: Engel und Kreuze.
Wenn sie über ihre Aufträge erzählt, fallen Sätze wie „Ich darf nicht nur malen, sondern auch Räume gestalten. Malen ist für mich lebenswichtig. Ich denke in Farben und Formen.“ Als Künstlerin möchte sie nicht ihre Person im Vordergrund wissen. Sie freut sich, wenn ihre Werke Impulse geben, andere anregen: „Ich möchte mit meinen Bildern Menschen berühren, mit Themen, die jeden umtreiben.“
Ihre künstlerische Ader wurde bereits auf dem musischen Gymnasium in Pasing gefördert, später studierte sie dort auf Lehramt. Als Lehrerin kam sie 1969 nach Waldkraiburg, wo sie 1978 zum ersten Mal in einer privaten Galerie ausstellte.
Die Kreativität steckt in den Genen. Ihre Mutter entwarf Möbel und Kleider, sie selbst ist nicht nur als Kirchenmalerin und Schmuckdesignerin tätig, sie fotografiert auch und hat selbst für ihr Zuhause Möbel entworfen.
Als ihre beiden Kinder noch klein waren und sie noch im Schuldienst tätig war, malte sie oft spät abends. Viele ihrer Objekte sind großformatig, aber für ein Atelier war kein Platz. Meterlange Bretter aus Lindenholz etwa hat sie unter der Pergola geschnitzt.
Mittlerweile sind die Kinder aus dem Haus und sie nutzt ein kleines Atelier im ersten Stock, das prall gefüllt mit Bildern, Fotografien und diversen Materialien ist, darunter Steine, Holzobjekte oder auch Federn. Zwischen Kisten mit Schnitzwerkzeugen stehen diverse Gläser mit Farbpigmenten: „Anders als Acrylfarben haben diese Farben eine viel stärkere Leuchtkraft.“
Wie Farben wirken und Räume verändern ist ihr wichtig: Der Kirchenbau ihrer Gemeinde in Waldkraiburg Süd etwa ist ein Betonbau: „20 Minuten einer Predigt zuzuhören und dabei eine Betonwand anzuschauen, das geht gar nicht“, erzählt sie.
Sie selbst bezeichnet sich als „begeisterte Selbermacherin“. Ob Seidenmalerei, Holzbearbeitung, vor allem schnitzen, Silber und Steine verarbeiten, das meiste hat sie sich selbst beigebracht. Sie belegte zwar Kurse, um in neue Techniken einzusteigen, aber weiterentwickelt hat sie ihre Fertigkeiten in Eigenregie.
Eines ihrer Lieblingsmaterialien ist Quarz. Da dieser heiß verarbeitet werden muss, hat sie Bilder in der heimischen Sauna erwärmt. Überhaupt hat sie einen gesunden Humor, wie etwa ihr Objekt „der Pantoffel des Papstes zeigt“. Den roten Schuh hat sie aus Treibholz gearbeitet, das ihre Kinder vom Rafting mitgebracht haben. Noch immer arbeitet sie tagtäglich in ihrem Atelier im ersten Stock: malen, fotografieren, Bilder hängen, Neues ausprobieren. Und wenn Irmi Seidl Inspiration braucht, geht sie einfach vor die Tür, hinaus in die Natur.