Das Leben nach dem Gong

von Redaktion

Rentner Hans Klaffl sehnt sich in der ausverkauften Kantine nicht nur nach ein bisschen Korrekturarbeit

Töging – Wenn Hans Klaffl zur öffentlichen „Lehrerkonferenz“ ruft, lässt sich das Kollegium nicht lange bitten. Bis auf den letzten Platz war die Töginger Kantine am Freitag gefüllt. Ausverkauft, seit Wochen.

Für den 67-Jährigen war der Abend ohnehin ein Heimspiel. In Töging geboren und aufgewachsen, hat Klaffl einst das Mühldorfer Ruperti-Gymnasium besucht. Die eigene Schulzeit verarbeitet der Kabarettist übrigens im nächsten Programm: Unter dem Titel „Nachschlag! Eh ich es vergesse…“ liegt es bereits fertig in der Schublade, Premiere ist in 14 Tagen. Leider nicht in Töging, sondern in Ebersberg.

In der Kantine servierte der Musiklehrer a.D. deshalb noch einmal das Auslaufmodell. „Schul-Aufgabe: Ein schöner Abgang ziert die Übung!“ dreht sich um Klaffls Leben nach dem Schulgong, das dieser gleich mal in vollen Zügen genießt. „Mir geht es nicht nur gut. Mir geht es oberaffengeil“, ruft er zu Beginn seinem Publikum zu, das – wenig überraschend – zum Großteil aus Lehrern besteht.

Für die Ex-Kollegen hat der 67-Jährige jede Menge Tipps im Gepäck, wie sich der Ruhestand sinnvoll gestalten lässt. Denn als Lehrer in Pension kann man eben nicht einfach planlos vor sich hinruhen: „Man muss seinen Tagesablauf organisieren, das ist man als Beamter gar nicht gewöhnt.“ Vier Jahrzehnte Schulalltag haben schließlich jede Menge Spuren hinterlassen. Dabei greift Klaffl im ersten Teil noch einmal auf Bewährtes zurück, erzählt mal singend, mal plaudernd Geschichten aus dem Lehrerzimmer und vom Sportplatz, gewährt einen unterhaltsamen Blick in den Musikunterricht einer fünften Klasse und nimmt – ganz nebenbei – alle aufs Korn: Schüler, Eltern und Kollegen.

Was ihn dabei so sympathisch macht? Klaffls Bühnen-Ego haut nicht einfach drauf auf die Protagonisten des Schulbetriebs, sondern ist – aller Verzweiflung zum Trotz – mit viel Herzblut bei der Sache. Problemschüler werden unter seiner Regie zu „erzieherisch naturbelassenen jungen Männern mit verhaltensoriginellem Charakter“, die Randalierer aus der letzten Bank mutieren zur „Pflegestufe drei der Pädagogik“. Und selbst die zweifelhaften Entscheidungen des Kultusministeriums lassen sich gerade noch als „Lehrbeispiele für eine paradoxe Intervention“ interpretieren.

Dabei vertritt Hans Klaffl in Sachen G8 eine klare Position. Gegen das Chaos bei der Einführung des achtstufigen Gymnasiums sei der Berliner Flughafen ein Erfolgsmodell, sagt er. Was Klaffl umtreibt: „Dass in den letzten 16 Jahren eine ganze Generation Schüler verblödet ist, sieht man ja nicht.“ Am liebsten würde er eine Großpackung Ritalin ins Kultusministerium schicken: „Damit die endlich merken, was sie in der Realität angerichtet haben.“ Zwischenapplaus.

Doch im Grunde geht ihn das ja alles gar nichts mehr an. Deshalb tut Hans Klaffl nach der Pause das, was alle Rentner tun; geht in den Baumarkt, zum Arzt, ins Museum. Und spürt, wie schleichend die Sehnsucht nach dem Klassenzimmer immer größer wird. Der Ruhestands-Enthusiasmus vom Beginn ist längst verflogen, flehentlich bittet er die Lehrer im Publikum um ein bisschen Korrekturarbeit. „Oder wenigstens eine Fahrtkostenabrechnung.“ Alles mündet in eine Liebeserklärung an den Lehrerberuf. In diesem Moment ist es im Lehrerzimmer der Kantine ganz still.

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