Waldkraiburg – Viele kennen Hildegard von Bingen als Pionierin der Kräuterheilkunde, als Autorin naturkundlicher Schriften wie „Ursprung und Behandlung der Krankheiten“ und „Heilsame Schöpfung“. Die Produktion des Ensembles „Theaterlust“ zeigte am Mittwochabend im Haus der Kultur in Waldkraiburg eine andere Seite der Dichterin, Komponistin und Universalgelehrten: Die der hoch sensiblen, spirituellen Hildegard, die sich zeitlebens ihren Ängsten, Unsicherheiten und Herausforderungen stellte und dabei im tiefsten patriarchalischen Mittelalter sich und ihren Mitmenschen alles abverlangte.
Schon das kränkliche Kind, das selbst Kälbchen im Mutterleib erkennen konnte, behauptete von sich: „Ich bin das lebende Licht.“ Mit ihren realen Träumen wurde sie zur Außenseiterin. Als Benediktinerin begann sie dann ihre „inneren Stimmen“ niederzuschreiben: „Ich höre auf die Worte des Allmächtigen!“ Als Klostergründerin und Äbtissin auf dem Rupertusberg bei Bingen setzt sie sich – selbst in Zeiten großer Unsicherheiten – auch gegen die Auflehnung eigener Leute durch, die von ihr behaupteten: „Deine Liebe ist widernatürlich!“
Trotz vehementer Rückschläge und Zweifel – „Gott, wo bist du?“ – ging sie ungebrochen und hingebungsvoll ihren Weg. Schwer zu kämpfen hatte sie in dieser frauenfeindlichen Umwelt mit ihren Gegenspielern in Gestalt von Abt Kuno oder dem brutalen Eckhard: „Ein Stück aus der Rippe Adams erdreistet sich, als Sprachrohr des Herrn zu gelten!“ Ihnen tritt sie nicht nur als „Posaune Gottes“ gegenüber, sondern als sein Rebell. Das Stück zeichnete eindrucksvoll den erstaunlichen Aufstieg Hildegards zu einer der bedeutendsten geistlichen Figuren des Mittelalters nach, als sie mit dem Papst und Kaiser Friedrich Barbarossa in ihren emanzipatorischen Gedanken korrespondierte, stets von der Ganzheitlichkeit des Menschen angetrieben und von Nächstenliebe beseelt.
Die Herausforderung: Wie lässt sich die Geschichte dieser umfassend gebildeten, durchsetzungsfähigen Frau mit ihren Visionen für das Publikum erfahrbar machen? Dieses Problem löste Regisseur Thomas Luft mit überwältigender Strategie. Da waren zum einen die mobilen, leicht transparenten meterhohen Leinwände, vor denen ganze Klöster und Kaiserthrone aus Würfeln aufgebaut und mit grandiosen, mystisch anmutenden Videoprojektionen bestrahlt wurden und so ein in- und übereinander fließendes Bild komponierten. Da war zum anderen die an gregorianische Choräle angelehnte, jedoch auch mit Minimal Music und Pop weiterentwickelte Musik. Cornelia Melian, die zusammen mit Manuela Rzytki für die musikalischen Arrangements verantwortlich zeichnete, weckte mit ihrem Gesang unterschiedlichste Emotionen. Für manchen Besucher wurde die Musik mitunter etwas zu häufig eingesetzt.
Vor allem aber war es ein Kraftakt für die acht Schauspieler, bei all den Stimmungen, dem Spiel mit viel Symbolik, Licht und Schatten: Sie beherrschten ihre Rollen überzeugend und eindrucksvoll, allen voran Anja Klawun. Sie gab Hildegard – vom Kindesalter bis zur alten Frau stets auf der Bühne präsent – als große Mystikerin voller Emotionalität.
So ließ die Aufführung geschickt biografische Wirklichkeit und fiktionale Elemente zu einem faszinierenden Ganzen verschmelzen. Sie schuf die Annäherung an eine Persönlichkeit, deren Namensbedeutung Programm scheint: Hildegard bedeutet Kampf und Schutz.
Das Publikum im Haus der Kultur honorierte diese visuell und choreografisch beeindruckende Inszenierung mit Bravo-Rufen und zahlreichen Vorhängen.