Konzert

70 Minuten Stille und Wohllaut

von Redaktion

Muttertagsmusik mit dem Euregio Kammerchor zum Ausklang der diesjährigen Nachtstücke

Altötting – Ausklang der „Nachtstücke“, Abschied: nach vier Konzerten der anspruchsvoll-delikaten Reihe schon Schluss? Schade. Das zweite Musikfest der Region Inn-Salzach, getragen von den Landkreisen Mühldorf und Altötting, hätte gut und gerne noch bis in die Sommer-Nächte hineinreichen können. Stücke gäb’s genug, die aufzuführen und anzuhören lohnten. Zudem verfügen der präzise, stets den Ausübenden energetisch voll zugewandte André Gold und sein versierter Klavier-Partner Michael Frohnmeyer über Kapazitäten, die längst nicht ausgeschöpft sind.

Den Schlusspunkt setzte ein Frauenensemble des Euregio Kammerchors am Muttertagsabend in der Kirche St. Magdalena, Altötting. Es grüßte inbrünstig Maria, die Mutter des Herrn, mit erlesenen Chor-Kompositionen und wurde von Michael Frohnmeyer aufs Beste am Flügel unterstützt. Akustisch ein Labsal, melodisch ein Ereignis.

Ungewöhnlich schlicht für einen Top-Star wie Franz Liszt: sein „Ave Maria“, meditativ seine auf- und absteigenden Terzen und sein Fragezeichen am Schluss. Gabriel Faurés „Cantique de Jean Racine“ rührte durch seine tiefe französische Katholizität, klanglich ganz nach des Dirigenten Gusto der Total-Fröhlichkeit gestaltet, engelsgleich in Schwebe gehalten. Mendelssohns „Lied ohne Worte“ machte sich in feiner Zurückhaltung verständlich. In Brahms` „Ave Maria“ setzten die strikt reagierenden Frauen in ihren langen schwarzen Kleidern dem „i“ ein rares sängerisches Denkmal, während sie die „Ora pro nobis“-Bitte derart steigerten, dass spontan ein kurzer, doch sofort wieder verebbender Beifall kam.

Trillerreich und in seiner fraulichen Weichheit ein auch in der Chromatik sensibel aufgefasster Chopin („Nocturne“ g-Moll, op. 37) gelang Frohnmeyer, der darauf, zu den Klängen von Rossinis „La Carità“, mit dem Ensemble, einer guten Solistin und dem heiteren Dirigenten tänzerisch-wiegend zu einer Schifferlfahrt auf dem sanft wogenden Chiemsee einlud. Zwei kleine Werke von Walentyn Sylvestrov (1937), „Benedictus“ und „Sanctus“, die Rheinbergers flehentliche „Hymne“ op. 35 („Wie lieblich sind deine Wege, o Herr!“) – bei voll eingestiegenem Sopran – umrahmten, fanden in ihrer „Nacht“- und „Morgen“-Schilderung kaum zum Ohr des Genießenden, so hauchzart verloren sie sich in ihrer leisen Unbewegtheit.

Und jetzt: Vladimir Vavilov, 1973 schon, kaum 48 Jahre alt, gestorben, rührte – eben nicht bis zu Tränen, dazu ließ Gold den oft verkitschten Song gottlob nicht geraten – in den von vielen Seufzern begleiteten wiederholten Anrufungen der Gottesmutter. Gewissheit des Erhörens gibt der Pianist am Ende, die Sängerinnen kosteten die „a“ im Namen „Maria“ herrlich aus.

Grad dieses Zugstück schenkte Gold mit den auf ihn eingeschworenen Frauen den andächtig Lauschenden als Zugabe dieser besinnlichen Muttertagsmusik. Doch erst nachdem man die „Todesschatten“ in Schuberts Ausdeutung des 23. Psalms beschworen und Frohnmeyer, der Hochkonzentrierte am Flügel, eine kindlich empfundene Hingabe Olivier Messiaens an die heilige Jungfrau mit ein bisschen Vogelgezwitscher garniert hatte. Wobei er gegen Ende zu noch einmal die dissonanten Fetzen hatte fliegen lassen, um dann den Abend, nach gut 70 Minuten Stille und Wohllaut, mit Schuberts großem Impromptu op. 90 geradezu sinfonisch ausklingen zu lassen.

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