Der Fehler im System

von Redaktion

Ausverkaufter Haberkasten bei „Maybebop“: Gesellschaftskritik mit viel Ironie und perfektem Gesang

Mühldorf – Irgendwo steckt immer ein Fehler. Nur wo? Bei „Maybebop“ am Mittwoch im Mühldorfer Habekasten ist keiner auszumachen. Eine perfekte Show, die das A-cappella-Quartett mit ihrem neuen Album „Sistemfeler“ hinlegt. Gesanglich makellos. Nur ein Problem zeichnet sich schon nach wenigen Minuten ab: Es ist schlicht zu stickig im Saal.

Doch davon lässt sich die Gruppe aus Hannover nicht beirren. Mit lausbübischem Witz und jeder Menge Charme zieht sie ihr Programm durch, auch wenn die Bassstimme Sebastian Schröder nicht mit dabei ist. Krankheitsbedingt wurde er von Christoph Johannes Hiller ersetzt, der aber nicht weniger gut mit Countertenor Jan Bürger, Tenor Lukas Teske und Bariton Oliver Gies harmonierte.

Wo liegt also der Fehler? Es ist das System an sich. Die vier Sänger halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Sie thematisieren die Vereinnahmung durch die digitale Welt inklusive ihrer sozialen Medien. Instagram, YouTube, Facebook: Der Mensch sei ständig „Auf der Suche“, wie ein Titel der neuen CD heißt. Nur wisse er nicht wonach. Die vier nehmen Söders Behördenkreuz aufs Korn, wenn sie das „Salve Regina“ anstimmen, zunächst ganz sanft, um sich dann im Gospelrausch zu verlieren.

Hart gehen sie mit Fake-News ins Gericht, indem sie eine Hommage auf die Tagesschau singen. Sie provozieren mit ihrer „Liturgie“, indem sie choralmäßig die neuen Götzen der Menschen persiflieren: König Fußball pervertiert das „Kyrie eleison“ zum „Schieri eleison“. Sie glorifizieren das „Apple unser im Himmel“. Und im Glaubensbekenntnis sind es Ruhm, Karriere und Erfolg, denen der Veganer im Gesundheitswahn huldigt.

Als Intermezzo lässt Lukas Teske sein Beatbox-Talent sprudeln („Immer wenn ich beatbox“), bevor die singenden Entertainer wunderschön die Ballade „Dat du min Leevsten büst“ durchs Mikrofon schmachten.

Herrliche Choreografien bestimmen die Bühnenschau des Ensembles mit ihrem herausragenden Countertenor Jan Bürger, der begeistert, wenn im Potpourri „Evolution Of Revolution“ Nenas „99 Luftballons“ mit „Killing In The Name Of“ von „Rage Against The Machine“ verschmelzen. Bollywood-mäßig erklärt Lukas Teske bei „Versteh das!“, warum er sich vor der Hausarbeit drückt. Nachdenklich wird es, wenn Oliver Gies beim „Lied vom Nicht-Verstehen“ alltägliche Fragen stellt. Etwa: „Warum haben wir wieder Nazis in der Bundespolitik?“ Das Quartett hüpft rum wie eine Boygroup („Hier Bandname einfügen“) und marschiert unverschämt grinsend im Stile der Comedian Harmonists, wenn sie den „Marschbefehl“ erteilen.

Und sie improvisieren, formen einen Heavy-Metal-Blues aus Wörtern, die ihnen beim Wunschkonzert das Publikum zuruft. Selbst wenn es sich dabei um Hämoglobin, Polizeiaufgabengesetz, vergessenes Foto oder Klopapier handelt. Fehler? Auch hier Fehlanzeige.

Wenn es denn einen Fehler im A-cappella-System gab, dann den, dass bei „Ab und zu ein paar Geigen“, das NDR-Orchester auf Tonband eingespielt wurde. Für Puristen eigentlich ein No-Go. Doch nicht an diesem Abend. Im Gegenteil: Darauf zu verzichten wäre ein Fehler gewesen!

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