Konzert

Höchste Ehren verdient

von Redaktion

Das „Renner Ensemble Regensburg“ gastierte Pfingstsamstag vor – nur zahlenmäßig wenigen – Begeisterten

Mühldorf – In der Kreisstadt gab es schon so manche Konzerte renommierter Künstler – aber der Zulauf zu einem solchen war noch nie so mager wie zum Gastspiel des „Renner Ensembles Regensburg“. Beschämend. In die Frauenkirche am Stadtplatz, wo gleichzeitig ein Flohmarkt boomte, hätten noch fünfmal mehr Leute reingepasst.

Woran lag`s? Glaubt man einer Zuhörerin, die dadurch auffiel, dass sie sich die gute Sicht vom Gangplatz Reihe 7 auf das Presbyterium, wo sich die jungen Sänger platzieren sollten, von einer später Kommenden nicht nehmen lassen wollte, so wusste nicht einmal das Mühldorfer Kulturbüro über den „Renner Ensemble“-Termin Pfingstsamstag 18 Uhr Bescheid. Geschweige denn, dass der sichtlich indignierten Dame, wie sie beklagte, die Tageszeitung hätte nähere Auskunft geben können. Anscheinend hatte sie die Vorschau im Blatt übersehen. Darin wurde, wie auch auf einem ausliegenden Flyer, das „Renner Ensemble Regensburg“ als „einer der renommiertesten Männerchöre Deutschlands“ gelobt.

Diesem selbstgegebenen Anspruch wurde man beim Mühldorfer Auftritt vollumfänglich gerecht. In den 31 Jahren seines Bestehens konnte man sich – viele Preise und Auszeichnungen belegen das eindrucksvoll – einen einzigartigen Ruf erarbeiten.

Dass das Repertoire „von der Gregorianik bis zur Moderne“ reicht, wurde auch im fünfviertel Stunden dauernden „Pfingstkonzert 2018“, mit dem Hans Pritschet, der seit sieben Jahren die singenden Jungmänner zu Hochleistungen führt, in Mühldorf Station machte, unter Beweis gestellt. „Komm, Schöpfer“ – auf gut Lateinisch „Veni Creator“ – so wurde „Spiritus“, Heiliger Geist, herabgefleht auf eine dauerzerstrittene Gesellschaft, auf eine sich – im Kleinen wie im Großen – bekriegende, zerstörende, sich zerfleischende Welt.

Wenn je in Mühldorf ein Konzert stattfand, das allein schon seines Programms wegen höchste Ehren verdiente, dann war es das bedauerlicherweise äußerst dünn besuchte der „Renner“-Mannen. Programm ist hier im Doppelsinn gemeint: Das, was sukzessive mit großer innerer Beteiligung vorgetragen wurde und das, was den Zuhörenden in die Hand gegeben wurde. Die 15 geklammerten hektografierten DIN-A-4-Blätter – auch wenn sie unhandlich waren und daher beim Vor- und notwendigen Zurückblättern während der Aufführung die Andacht störten, ja, auch wenn sie zwei, drei Werbe-Seiten enthielten – legten beredt Zeugnis von der „Werkstatt“ ab, aus der die 16 Kehlen-Akrobaten kommen: vom Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen. Namensgeber Joseph Renner jun. (1868 bis 1934), also vor 150 Jahren geboren, war 40 Jahre Regensburger Domorganist.

Dass die seinen Namen Weitertragenden wohl bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Andenken hochhalten, versteht sich von selbst. Ging Renner doch kirchenmusikalisch Wege, die schon Palestrina (und vorher die Gregorianik) beschritt, und darauf weiter, um sich im Nachhall der Hochromantik auszudrücken. Mit drei Teilen seiner „Messe zu Ehren des hl. Josef“ bezog man sich auf den Ahnherrn.

Dabei waren „Sanctus“, „Benedictus“ und „Agnus Dei“ von den insgesamt 16 ausgewählten, unterschiedlich langen, unterschiedlich intensiven, unterschiedlich nach Frieden in der Welt aufschreienden Stücken von M. Haydn, Berlioz, Poulenc oder Verdi nicht einmal das spektakulärste Gespann. In dieser Hinsicht stahlen Renner junior ein Veljo Tormis mit seinem hochdramatischen „Deus, protege a bello“ von 1984, vor ihm auch schon Winfried Siegler-Legel mit „Mein Zuhause ist nicht hier auf Erden“, aber unbedingt auch Steven Heelein mit „omnia tempus habent“, einer Auftragskomposition für das „Renner Ensemble“ zu dessen 30-jährigem Jubiläum im Vorjahr, die Schau.

Es sollte nicht dabei bleiben, dass die hochkompetente Renner-Riege mit ihren starken, sensiblen, makellosen, im markant gesetzten und auf ihren kleinen, aber großartigen Dirigenten eingeschworenen Stimmen zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal in Mühldorf Halt machten. Es gibt hier mehr Menschen als vermutet, die einer solchen Hochleistungsmannschaft bedürfen, um das Feld der geistlichen Chormusik nicht nur regionalen Zweitligisten zu überlassen.

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