Erste Geige: Kontrabass

von Redaktion

Claus Freudenstein hat mit Pianist Thomas Hartmann Vorurteile über den Kontrabass ausgeräumt

Zangberg – Es gab da diesen einen Moment am Samstagabend, da hätte man meinen können: Gleich kommt die britische Sängerin Adele in den Ahnensaal und wird „Someone like you“ singen. Das Lied beginnt mit Klavier: sanft, ein bisschen traurig – es geht ja schließlich um Liebeskummer. Und Klaus Hartmann hatte wirklich sehr einfühlsam gespielt. Wer den Song aus dem Radio kennt, glaubte zu wissen, wie es weitergeht. Aber dann sang eben nicht Adele. Sondern der Kontrabass von Claus Freudenstein. Und schon nach den ersten Sekunden war klar: Man muss Adele jetzt nicht unbedingt vermissen. Der Kontrabass kann das. Singen. Auch die höheren Töne. Ohne die Worte konnte man sich viel besser auf die schöne Melodie konzentrieren. Das leicht pathetische des Textes fehlt nämlich. Der Kontrabass reduzierte das Stück. Erstes widerlegtes Vorurteil: Der Kontrabass ist ein Nebeninstrument, das den Gesamtklang im Orchester verstärkt. Nein: der Kontrabass ist melodiös und kann definitiv quasi die erste Geige spielen.

Grenzen

überschreiten

Claus Freudenstein und Thomas Hartmann wollten mit dem Programm „Crossing borders“ ohnehin vielseitig sein. „Im Sinne von musikalischen und geografischen Grenzen, die wir überschreiten“, hatte Freudenstein den Abend der Musikfreunde Mühldorf eingeleitet. Rockmusik zu Kammermusik und umgekehrt, gab Claus Freudenstein den Konzertbesuchern noch mit auf den Weg. Immer wieder erklärten die beiden, warum sie ihre Stücke gewählt hatten, wer sie geschrieben hat oder Anekdoten, die sie mit ihnen verbinden. Das war manchmal sogar sehr lustig.

Mit „Highway Star“ von Deep Purple und „Parallel Universe“ von den Red Hot Chilli Peppers beispielsweise hatten die beiden Musiker Stücke gewählt, die sehr vom Schlagzeug der Bands geprägt sind. Beides funktionierte auch nur mit Klavier und Kontrabass. Die Wechsel zwischen hohen und tiefen Tönen und Variationen im Tempo machten die Musik dynamisch.

Dass das Cello durchaus geeignet ist, Heavy Metal zu spielen, hat die finnische Gruppe Apocalyptica schon vor Jahren gezeigt. Aber ein Kontrabass kann das durchaus auch. Wer das Instrument für verhältnismäßig behäbig hält, wurde überrascht. Noch so ein Klischee!

Musikalisch ging es auch nach Lateinamerika. „Hablo Espanol“ von Polache in einem Arrangement von Jorge Santos hätte man sich durchaus auch in einer Bar einer lateinamerikanischen Großstadt vorstellen können. Claus Freudenstein spielte außerdem eigene Kompositionen wie „Der Wolf“ und Netclip. Dabei wurde auch deutlich, dass es ihm wichtig ist zu zeigen, was im Kontrabass alles an Klängen und Stimmungen steckt.

Dem Klavier trauen viele große Vielseitigkeit zu. Thomas Hartmann hat mit seinen Paganini-Variationen trotzdem noch eins drauf gesetzt. Bisschen Salsa, Jazz, Swing, Beebop, Funk und Django Reinhardt werde sich da zwischen Paganini melden, kündigte er an. Und, was soll man sagen: Was sich in Worten unmachbar anhörte, war am Klavier eine erstaunlich abgefahrene Mischung. Irgendwie schwer zu beschreiben. Hartmann bekam sehr langen Applaus.

Claus Freudenstein widerlegt mit seiner Biografie übrigens das Vorurteil vom Profi-Musiker, der schon als kleines Kind nichts anderes getan hat, als das Instrument zu üben. Auf seiner Website ist nachzulesen, dass er erst mit 19 Jahren begonnen hat, E-Bass zu spielen und erst mit 22 Jahren den Kontrabass für sich entdeckte. Dazu bewegt hatte ihn, so erzählte er es in Zangberg, der inzwischen verstorbene Bassist der Band Metallica, Cliff Burton. Claus Freudenstein widmete ihm den Metallica-Song „Creeping death“.

Hommage an

Cliff Burton

Weniger düster waren „Sweet child o‘ mine“ von „Guns’n‘Roses“, „Hotel California“ von den Eagles und „With or without you“ der irischen Band U2. Für „Sweet child o‘ mine“ gab es Applaus, wie es Besucher klassischer Konzerte eher selten hören: Unter das Klatschen mischten sich Pfiffe, wie bei einem Rockkonzert.

Zwei Zugaben mussten Thomas Hartmann und Claus Freudenstein spielen. Dabei war ein klassisches Stück, das für Klavier und Kontrabass von Robert Fuchs komponiert wurde, einem Zeitgenossen von Johannes Brahms. Ein Andante. Auch wenn das Stück musikalisch aus einer anderen Zeit stammt, als die anderen Lieder des Konzerts, war deutlich zu hören, dass es wunderschön ist, wenn unter den Streichinstrumenten mal der Kontrabass ganz deutlich neben dem Klavier zu hören ist – unabhängig davon ob Klassik, Pop oder Heavy Metal der Ursprung ist.

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