Waldkraiburg – Mozarts Requiem: Mysterium, Kriminalfall aus jüngerer Zeit, musikalisches Monumentalwerk. 1791 starb der geniale Komponist im Alter von 35 Jahren, mitten in der Arbeit an einer Totenmesse – ein Auftragswerk, welches bis heute von Verschwörungstheorien umrankt beliebter Stoff für Romane und Verfilmungen liefert.
Constanze Mozart hatte einst Franz Xaver Süßmayr beauftragt, das letzte Werk des verstorbenen Gatten fertigzustellen. Es entstand ein Werk von tiefer Emotion, ein letzter Schrei aus dem Leben, ein Zeugnis von dem Übergang aus einer nebulösen Zwischenwelt in die Ungewissheit des Todes.
Mozarts „letzter Gruß“ inspirierte Guido Markowitz, Ballettdirektor aus dem Stadttheater Pforzheim, zu einer atemberaubenden Choreografie, die am Sonntagabend im Rahmen des Projekts „Tanzland“ im Haus der Kultur zur Aufführung kam: In Kooperation mit dem Ballettensemble aus Pforzheim, dem Projektchor „Vocabile Plus“ aus Kraiburg unter Leitung von Andreas Miecke und der Waldkraiburger Orchestergemeinschaft unter Leitung von Ferenc Bene entstand ein Sparten übergreifendes Musiktheater.
„Der Tod hat verloren. Gesiegt und gefeiert wurde das Leben, die Musik und der Tanz, vor allem aber das fantastische Musiktheater der Tanzland-Produktion.“
Kirsten Benekam
Zu Mozarts Requiem bot Markowitz in tänzerischer Umsetzung eine für jeden verständliche Interpretation zum Thema Tod, welche dem Zuschauer Begrifflichkeiten wie Nahtoderfahrung, Todesnähe oder Todessehnsucht bildlich vor Augen führte. Eine junge Frau (Ana Rita dos Santos Brito da Torre) ist „des Todes“ aber doch noch voller Leben. Umgeben von „gesichtslosen“ Engeln (Tanzensemble Pforzheim) wandelt sie zwischen Leben und Tod, kämpft tanzend um ihr Dasein, ist voller Angst, aber dennoch wehrhaft. Der Tod (Adrien Ursulet) hat sie sich auserkoren, umschmeichelt sie, zieht sie gnadenlos in den Bann. Mit magischer Anziehungskraft und fast erotischer Sogwirkung führt er sein Regiment gegen das Leben der Frau.
In schwarze Gewänder gehüllt, nimmt der Chor Anteil, scheint ihre Totenmesse zu singen – Mozarts Requiem in ergreifender Umsetzung. Der Chor „begleitet“ die Tänzerin, wie auch die vier Gesangssolisten des Theaters Pforzheim (Danielle Rohr, Natasha Sallès, Lukas Schmidt-Wedekind, Daniel Szeili) nicht nur stimmlich, sondern greift immer wieder ins Geschehen ein. Die „Sterbende“ wird gehalten, getragen, umgarnt, umhergewirbelt, beobachtet.
Der „vermenschlichte“ Tod wirkt zwar bedrohlich aber nie boshaft und tanzt mit ihr einen irrwitzig-makabren Pas de deux. Er will besitzen, gewinnen und vor allem bestimmen, wohin der Weg führt und das tut er mit schier umwerfendem Charme – dem Charme eines Liebenden, dem man sich unbehelligt hingeben will.
Ein Kubus, der sich in der Mitte der Bühne befindet, versinnbildlicht den Weg ins Licht. Auf seine durchsichtigen Wände werden weiße Tauben, Federn oder kleine Stäbe projiziert, die – in einem Strudel rotierend – an einen Fiebertraum denken lassen. Letzte Erinnerungen an das Leben, Licht und Schatten, Feuer und Rauch. Die junge Frau scheint schon halb „drüben“ zu sein, kämpft ihren letzten Kampf hinter einer durchsichtigen Wand, tanzt vom Gesang des Chors und der Solisten begleitet, verstärkt und untermalt, ein im wahrsten Wortsinn zum Sterben schönes Solo.
Immer neue Bilder lassen den Zuschauer mit eintauchen in die anziehenden und zugleich verstörenden Szenarien, die, wie Sterbephasen, zwischen Aufbegehren und Hingabe, zwischen Zweifel und Gewissheit, zwischen Festhalten und Loslassen, anmuten. Sterbe und werde. Oder doch lebe und sei?
Der Chor, als Teil der Inszenierung, kann nicht nur singen – er tanzt, bewegt sich, wie hypnotisiert über die Bühne, mal in stummer Anteilnahme, dann wieder in ergreifendem Gesang. Beeindruckend agieren auch die Gesangssolisten bei ihren Einsätzen, zeigen mit grandioser Bühnenpräsenz und gekonnter Körper- und Bewegungsarbeit, dass beides geht – singen und glaubhaft spielen.
Die monatelange Probenarbeit von Orchester und Chor trägt schmackhafte Früchte. Ferenc Bene hat, ebenso wie der „tanzende“ Tod, alles im Griff und Chorleiter Miecke singt mit dem hoch motivierten Chor auf der Bühne. Ein Genuss, bis zum letzten Takt.
In Markowitz‘ Inszenierung wird der Tod immer schwächer, verliert den Kampf und fällt zu Boden. Die junge Frau entscheidet sich für das Leben. „Feiert das Leben“ lautet die Botschaft, die ankommt. Ein erster, nicht ein letzter Atemzug, beschließt das Werk und erinnert an den ersten Schrei nach einer (Wieder-)Geburt.
Tief durchatmen mussten auch die restlos begeisterten Zuschauer im Haus der Kultur. Der Tod hat verloren. Gesiegt und gefeiert wurde das Leben, die Musik und der Tanz, vor allem aber das fantastische Musiktheater der Tanzland-Produktion, das mit nicht enden wollendem Applaus und stehenden Ovationen die gebührende Anerkennung erhielt. Waldkraiburg ist Tanzland!