Tüßling – 5000 sind da. Oder um es mit Max Giesinger zu sagen: 5000 von 80 Millionen. Eine ordentliche Zahl angesichts der Kultur-Konkurrenz in diesen Tagen und der Tatsache, dass niemand so genau weiß, was man von einem Giesinger-Glasperlenspiel-Doppelkonzert erwarten kann.
Doch in Tüßling geht es eben nicht nur um die Musik. Es geht auch um diese einzigartige Atmosphäre im Schlosspark, um dieses ganz besondere Festival-Gefühl an einem lauen Sommerabend vor der Haustür. Da nehmen die Besucher dann auch einmal eine kleine musikalische Wundertüte in Kauf, zumal bei perfektem Wetter wieder einmal angerichtet war für einen großen Konzertabend – Verzeihung: Doppelkonzertabend.
Erster Auftritt: Glasperlenspiel. Elektropop auf einer Festival-Bühne. Nicht zu später Stunde im Dunkel der Nacht mit großer Lightshow, sondern um 19.30 Uhr im hellen Rot eines beinahe kitschigen Sonnenuntergangs. Ob das funktioniert? Es funktioniert ganz gut. Zum einen, weil Sängerin Carolin Niemczyk auf den Punkt präsent ist; zum anderen, weil Daniel Grunenberg die Elektronik an Synthesizer und Keyboard sehr dosiert einsetzt. Die Band mit Sängerin Silvia Dias, Bene Neuner am Schlagzeug, Markus Vieweg am E-Bass und Nico Schliemann an der E-Gitarre bekommt jede Menge Raum – und lässt sich nicht lange bitten. Und das Publikum feiert, singt lauthals den Refrain zu „Echt“ mit und tanzt zwei links, zwei rechts, wenn Carolin Niemczyk den Schritt vorgibt.
Der Höhepunkt als Zugabe: „Geiles Leben“. Geile Stimmung. Bei wirklich – mit Verlaub – geilem Sound: Jeder Ton, jedes Wort, jedes Gitarrenriff kommt so klar aus den Boxen, als müssten nicht 5000 beschallt werden, sondern nur 50.
Max Giesinger würde die 5000 am liebsten alle einzeln begrüßen. „Servus, ich bin der Max“, sagt er und schüttelt Dutzende Hände in der ersten Reihe. Es folgt der Albtraum aller Personenschützer: Giesinger sucht mit dem ersten Lied gleich mal das Bad in der Menge, klatscht ab mit den Fans, lässt sich durch die Haare wuscheln. Die Nähe zum Publikum wirkt bei ihm auch deshalb so echt, weil der 29-Jährige noch kein Routinier auf großen Bühnen ist. Den Zeiten als Straßenmusiker widmet er eine Akustiknummer mit Weggefährte und Gitarrist Steffen Graef – begleitet von der Anmerkung, dass noch vor zweieinhalb Jahren für ein Konzert in Braunschweig weniger als 20 Tickets verkauft wurden.
Heute drängeln sich Hunderte in den ersten Reihen, die jede Zeile seiner Songs kennen. Allen voran: „Wenn sie tanzt“, „Legenden“ und natürlich „80 Millionen“. Giesinger zelebriert seinen größten Hit, holt sich Verstärkung auf die Bühne (siehe Infokasten) und lässt dem großen Chor der 5000 freien Lauf.
Vielen wird sein Konzert auch deshalb in Erinnerung bleiben, weil Max Giesinger ohne große Show auskommt: ein bisschen Lamettaregen hier, ein paar Videoinstallationen da. Im Kern punktet er mit anderen Dingen: mit seiner sympathischen Art, mit einer guten Band – Lars Brand (Drums), Steffen Greaf (Gitarre), Paul Sieferle (Bass) und Klaus Sahm (Keys) – und mit einem feinen Live-Gespür, wie sich die Stimmung hoch halten lässt. Dafür reicht manchmal ein schnödes Kompliment („Tüßling ist sicher ein Top-Five-Konzert dieses Jahr“), manchmal ein kleines Solo auf der Melodika („Final Countdown“), manchmal ein Cover-Song („What‘s Up“ von den „4 Non Blondes“).
So kommt es, wie es kommen musste: Ohne es zu wollen, degradiert ein gut gelaunter Max Giesinger „Glasperlenspiel“ zur gut gelaunten Vorband. Doppelkonzert hin, Doppelkonzert her. Doch das geht im Jubel der 5000 ohnehin unter – 5000 von 80 Millionen.