Tittmoning/Mühldorf – Vor 95 Jahren war die knapp 800 Jahre alte Festung über der Salzachstadt Tittmoning zum letzten Mal als „Schloss“ bezeichnet worden. Den längst wieder als „Burg“ benannten ehemaligen Wohnsitz des Pflegers, später als Jugendherberge, Schullandheim, Kriegsgefangenen-, Internierungs- und Durchgangslager für Flüchtlinge verwendet, hatten sich schon ab 1614 die vermögenden, lebenslustigen Salzburger Fürsterzbischöfe zu ihrer Sommerresidenz um- und ausbauen lassen.
An diese Zeit und besonders an die hier weidlich ausgelebten hochherrschaftlichen Jagdgelüste des geistlichen Hochadels aus der benachbarten Domstadt soll die – sehr allgemein – mit „Geschichte der Jagd“ betitelte, doch sehr ortsbezogen präsentierte Schau erinnern. Sie reicht mit den Namen Rupert (696 bis 716/18) und Hieronymus Graf von Colloredo (1772 bis 1812) vom Frühmittelalter bis zum Barock.
Als „weites Feld“ wird von den Tittmoninger Ausstellungsmachern das Thema „Jagd“ erkannt – und so scheuen sie weder einen „Exkurs in die Entwicklung des Jagdrechts“ noch einen „Abstecher zu den Wilderern“, wenn sie – als Hauptattraktion mit herausragenden Exponaten im Original und in prima Reproduktionen – im Audienzzimmer der Burg die „Hohe Jagd“ darstellen – und zwar so, „wie sie die Fürsterzbischöfe damals zu Zeiten des Barock wohl praktiziert haben“.
Seitenblicke auf die Problematik des Waldrapps wecken im Besucher andere Aktivitäten als etwa die relativ genauen Hinweise auf Jagdreviere nahe der Burg Tittmoning: Grassach, Fridolfing, Palling – bis hin zum „Salzburger Jagdrecht im Vogtgericht Mühldorf“.
Was ist eine „Parforcejagd“? Diese Art des Jagens kommt aus Frankreich. Die dortigen Fürsten zogen es vor, nicht mehr auf „Hetzjagd“ zu gehen, sondern „par force“, also „mit Gewalt“ nur ein einzelnes Stück Wild zu erlegen. Einen Hirschen. Oder Schwarzwild. Wiedergaben barocker Hofmaler-Gemälde und eine Porzellan-Figur, auf weinroten Samt gebettet und in einer Nische beleuchtet, wollen dem robusten Jagdgeschehen zur Zeit der Salzburger Fürsterzbischöfe Härte und Unbedingtheit nehmen.
Wie dreist die hohen geistlichen Adeligen als Jäger vorgingen, ist einer von Norbert Schindler in seinem Buch „Wilderer im Zeitalter der Französischen Revolution“ (2001) erwähnten Anekdote zu entnehmen. Für das ehemals salzburgische Mühldorf am Inn ist sie insofern von gewissem Reiz, als es sich bei dem Protagonisten um einen Nachfahren des weiland Mühldorfer Museums-Namengebers Paris Lodron handelt. Fürsterzbischof von Collredo sah angeblich eines frühen Dezembermorgens aus dem Fenster seiner Residenz und wollte seinen Augen nicht trauen, einen gedeckten Pferdeschlitten über den Hofplatz heranpreschen zu sehen. Das Pferd scheute, der Schlitten geriet ins Rutschen und aus der aufspringenden Kutschenhaustür fiel der Domkapitular Graf Lodron heraus. Mit ihm zusammen ein gewilderter Rehbock. Der sank dem Herrn Bischof unmittelbar vor die Füße. Wegen „unzählig übertrieben weidmännischen Jagens“ soll der junge Graf Lodron „in die höchste Ungnad‘ verfallen“ sein, dies auch wegen „beständiger Überschreitung seines Jagddeputats und diverser Wildereien“.
Hierzu gibt es im Aktionsraum der Burg Tittmoning, der den Kinder-Aktivitäten vorbehalten und mit manchen großflächigen modernen Malereien zur Parforce- und Hetzjagd ausgestattet ist, eine lustige Karikatur. Weniger lustig sind die jagdlichen Ereignisse rund um den Salzburger Kardinal und späteren in Augsburg 1486 geborenen Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg (res. 1519 – 1540), der keine geringe Rolle in der Geschichte Mühldorfs spielte. Mehr Staatsmann als Oberhirte, reformierte er Recht und Verwaltung, auch im damals salzburgischen Mühldorf, wohin er sich nur zu gerne zurückzog. Seine Residenz war das heutige Finanzamt in der Mühldorfer Katharinenvorstadt, wo er sich nachweislich vor exakt 500 Jahren aufhielt. Neben Langs Bildnis (einer seitenverkehrten Wiedergabe des berühmten anonymen Donauschule-Porträts (um 1525), das im Kunsthistorischen Museum Wien hängt), ist die Rede von der Überschreibung der vier Mühldorfer Forsten als Jagdrevier an Matthäus Lang, dem damit „weiterhin das Recht auf ‚Lustjagden‘“ zuerkannt wurde. Abgebildet: Matthäus Langs kunstvoll verziertes Jagdgewehr, datiert auf 1534.
Die Ausstellung kann bis 14. Oktober zu folgenden Öffnungszeiten besichtigt werden: Mittwoch bis Samstag von 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.