Variationsreich wie das Leben

von Redaktion

Mulo Francel & Friends brachten den Haberkasten mit pulsierendem Jazz zum Kochen

Mühldorf – Ist an einem Montagabend der Haberkasten rappelvoll, dann muss schon besonderer Glanz die Hütte zieren. Mulo Francel, Ausnahmesaxofonist und Klarinettist hat sich schon in den vergangenen Jahren in zündenden Konzerten in anderen Formationen beliebt gemacht. Nun kam er „mit Freunden“ und aufregendem Jazz nach Mühldorf. Freunde, die dieselben Ideen, dieselbe Leidenschaft und Virtuosität mitbringen: David Gazarov (Klavier), Sven Faller (Kontrabass), Robert Kainar (Drums). Zusammen mit Mulo Francel „verjazzten“ sie den Haberkasten und ließen die Getränke auf den Tischen verdampfen. Groovy-smoothy, zum Wegträumen schön. Alltag ade, scheiden tut überhaupt nicht weh – wie ein letztes Aufbäumen des vergangenen Jahrhundertsommers kam der frische Jazz mit pulsierenden Rhythmen daher. Variationsreich wie das Leben selbst.

Fast alle Stücke waren Eigenkompositionen, die als musikalische Mitbringsel, als Erinnerung und „Verarbeitung“ in die ausdruckstarke Sprache der Musik übersetzt, den Zuhörer an der „Reise“ der Komponisten teilhaben ließ. Bereist und erlebbar gemacht wurde die griechische Insel Samos mit Blick auf die Ägäis, wo Ikarus bei seinem missglückten Flugversuch abgestürzt war. Der alte Traum vom Fliegen war in der Nummer „Ikarus Dream“ mit schwebenden Klarinettenläufen, wirbelnden Schlagzeugeinsätzen, entfesselten Pianoakkorden und tragenden Basslinien grandios musikalisch nachempfunden. Bei diesem Sound wäre Ikarus sicher nicht abgestürzt.

Ein Erlebnis der besonderen Art ist das Titelstück des zweiten Albums des Quartetts um Mulo Francel, „Mocca Swing“ – eine Widmung an das Kaffee-Kult-Getränk, das zur perfekten Aromaentwicklung schlicht „seine“ Zeit braucht. Genau wie Francels Komposition, aromareich, Appetit anregend, stimmungsaufhellend, Blutdruck steigernd. Ein Hochgenuss und an den Instrumenten im fließenden Miteinander richtig „heiß“ serviert.

„Sunshine in a Honeypot“ ist der originelle Titel einer Eigenkomposition von David Gazarov, die im Haberkasten bestens ankam. Die zu Musik verarbeitete Kindheitserinnerung an ein von Sonne durchflutetes Honigglas beginnt mit einem verträumten Klavier-Intro, welches klangfarbenreich perlend das Thema aufnimmt und beim Einsatz von Saxofon, Drums und Kontrabass einen bewusstseinserweiternden Nachhall findet.

Ebenso großen Beifall erntete der Pianist auch für „Retrospektive“, der Bearbeitung einer Chopin-Etüde. Chopins musikalischer Gedanke wurde hier sensibel aufgegriffen und in den Stimmen der anderen Instrumente sinnig und stimmig weitergedacht.

Einem Menschen mit einer nicht immer geradlinig verlaufenden Lebensgeschichte, nämlich seiner Oma, hat Sven Falla eine Komposition gewidmet: „Laqueur“. Leichtigkeit und Vitalität prägen die spannende Nummer, aber auch immer wieder melancholische Färbungen, die einen nicht unkomplizierten Charakter vermuten lassen. Zum Schluss zog das Quartett mit der Nummer „La vida del Senor Lorenzo“ noch einmal alle Register mitreißender Jazz-Musik.

Der Schwung sollte die Zuhörer im Mühldorfer Haberkasten mit ausreichend Energie für die komplette Arbeitswoche versorgt haben, abzüglich natürlich des nicht zu unterschätzenden Kraftaufwandes für den heftigen Schlussapplaus.

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