Reiz und Risiko musikalischer Bearbeitungen

von Redaktion

Wasserburger Rathauskonzert Georgisches Kammerorchester Ingolstadt mit Bearbeitungen für großes Streicherensemble

Wasserburg – Die Musikwelt lebt nicht nur von den großen Kompositionen, sie lebt auch von Bearbeitungen von Originalwerken – und was wichtig ist: Der Interpret hat Gelegenheit, seine Kreativität auf seine Weise auszuleben, wenn er oder sie ein großes Werk beispielsweise umschreibt für ein bescheideneres Ensemble; so zu Mozarts Zeiten, als „Harmoniemusiken“ aus großen Opernwerken entstanden, oder als Franz Liszt in seinen Klavier-Transkriptionen die großen Werke dem Volk bekannt machte.

So wartete das Georgische Kammerorchester Ingolstadt in Wasserburg diesmal mit Bearbeitungen für sein großes Streicherensemble auf, mit Werken von Tschaikowsky, Ernest Bloch und Richard Strauß.

Es erhebt sich nun nicht nur für dieses Konzert, sondern im Allgemeinen die große Frage: Bleibt in einer Bearbeitung die ursprüngliche Idee des Komponisten für den Hörer erhalten? So hatte sich im „Souvenir de Florence“ Tschaikowskys die Opulenz, welche auch die für Streichsextett vorgesehene Fassung kennzeichnen dürfte, im größeren Streicherkörper verstärkt. Da zudem das in Wasserburg schon öfters aufgetretene Ensemble sowieso schon zu fülliger Tongebung neigt, die Saiten straff gespannt sind, um der emotionellen Hochgestimmtheit dieser Musiker standzuhalten, konnte dies bisweilen des Guten zu viel werden. Was allerdings dabei an Kunst des Zusammenspiels unter den vielen Streichern zutage trat, an Akkuratesse bis zu den Hinterbänken, verdient große Anerkennung.

Die Leitung des Orchesters hatte der Cellist Daniel Müller-Schott. Er hielt Blickkontakt mit den Musikern vom Cello aus, ohne dass man dies als Dirigat wahrnahm. Doch wesentlich erschien, dass die erste Geigerin ihre eigene Führungsrolle nach Kräften in enger Abstimmung mit dem Cellisten ausübte. Am Auffälligsten war dies zu erkennen in Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“. Die Streicher erwiesen sich als exzellente Partner für den Cellisten Müller-Schott als Solisten. Allerdings – und das sei wieder als generelles Problem einer Bearbeitung gewertet – bieten die Bläser in der Urfassung für komplettes Orchester und Cello Gewähr für prickelnde Farbigkeit, und das ging hier etwas verloren. An solcher Farbigkeit nun fehlte es dem Solopart keineswegs: Auf seinem mächtig tönenden Instrument brillierte Daniel Müller-Schott bis in die höchsten Töne, die das Cello hergab.

Ins Orchestrale gesteigert schienen auch die für Klavier und Cello konzipierten Studien Ernest Blochs „From Jewish Life“. In der Besetzung für Streicher, Harfe und Cello gerieten diese nun zu einem bewegenden Bet- und Klagelied kultischen Judentums. Und hier kam dem Cellisten sein großes Einfühlungsvermögen zustatten, als er sich die dieser Musik eigene Tonsprache zu eigen machte.

Bot nun die Streichorchester-Bearbeitung des Sextetts aus der Gesellschaftsoper „Capriccio“ von Richard Strauß ein Risiko für Werktreue? Eher legte sie Unterschwelliges zutage: Erstaunlich, wie das im Original eher dahin plätschernde spätromantische Filigranwerk unter den Händen der Streicher tiefgründig wurde, ja tragische Züge bekam.

Richard Strauß war nun wohl doch nicht nur der anno 1942 vor den Kriegswirren in seine Welt fliehende alte Mann geblieben, sicher empfand er in dieser Musik Trauer über die im Bombenhagel bereits zerstörte Kultur. So waren diese Töne nicht nur ein Schwanengesang auf die heile Welt von ehedem, sondern zeigten auch deren Brüchigkeit. War dies Stück auch als Einstieg vorgesehen, es blieb im Gedächtnis als historisches Denkmal für bittere Zeiten.

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