Töging – Der Premierenabend mit Macbeth begann schon beim Eintritt in den Töginger Schutzraum befremdlich und trotzdem amüsant. Da empfing einen eine uniformierte Frau, nicht unfreundlich, aber streng, wenn man einfach so den Vorhang öffnete, und eintreten wollte.
Die Inszenierung des Shakespeare-Stückes beginnt also schon dort: Die Theaterbesucher mutieren zu Gefängnisbesuchern, die Verhaltensregeln zu beachten haben, einen Passierschein bekommen und denen schon gesagt wird, dass Macbeth ein Schlächter ist.
Der Wächter an der nächsten Station schickt schon mal Zuschauer zurück zum Eingang, die nicht ihren vollen Namen in den Passierschein geschrieben hatten. Weiter geht es mit einem Propagandafilm und indoktrinierenden Reden. Sehr konsequent ziehen Mario Eick, der Kulturverein Siloland, das Theater für die Jugend und das Kollektiv „Andomeda Straine“ das erste Stück der neugegründeten Theaterinitiative „Fabrikschauhaus Töging“ durch.
In einem Käfig aus Bauzäunen nimmt das Publikum auf Klappstühlen Platz. An der Vorderseite ein Wächter in Uniform, der mit Block und Stift ausgerüstet ist, um zu notieren, was Besucher mit dem Gefangenen zu besprechen haben. Dabei handelte es sich um Macbeth, verkörpert – nicht gespielt – von Mario Eick. Wie ein Raubtier streicht er um den Käfig, um seine Version des Shakespeare-Stückes zu erzählen. In Sträflings-Kleidung mit strengem Seitenscheitel und hartem Licht aus Strahlern, die immer dort angehen, wo er gerade steht, hat man als Zuschauer zwei Assoziationen: den psychopathischen Mörder Hannibal Lector aus dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ und – Adolf Hitler. An letzteren fühlt man sich immer wieder erinnert, wenn Macbeth, der im Grunde die einzige Sprechrolle hat, monologisiert. Gesten wie das Hand-Austrecken, wenn er sich in Rage redet, aber auch Sätze wie „Ich bin ja ein Mann ohne Privatleben“, erinnern an Hitler.
Es hilft, die Handlung des Shakespeare-Stückes zu kennen. Aber zwingend notwendig ist es nicht. Macbeth erzählt die Geschichte aus seiner Sicht. Anfangs möchte er die Fassade des zu Unrecht als Schlächter inhaftierten aufrecht erhalten. Doch je länger er erzählt, beispielsweise vom Mord am König Duncan, dem er auf den Thron folgen sollte, oder dem Mord an Lady Macduff, desto deutlicher wird ihm seine eigene Schuld. Er spielt einen von Gewissensbissen geplagten in feinen Nuancen zwischen Trauer, Ironie, Wut und Verzweiflung.
Mario Eick trommelt an die Wände, tanzt, gestikuliert, stellt Fragen ans Publikum. Dass er im Grunde bereits wahnsinnig ist, zeigt sich unter anderem an seinem Umgang mit der Nebenfigur Seyton – im Original Diener Macbeths, in der Töginger Inszenierung ein Mitgefangener. Den bezeichnet Macbeth innerhalb weniger Minuten als genialen Musiker und als „erbärmliches Stück Scheiße“.
Seyton (Florian Strober) macht mit verschiedenen Instrumenten den Soundtrack zu Macbeths verstörenden Erzählungen. Ohne ein Wort zu reden, ist er eine Nebenfigur, die für Lacher sorgt, die einem manchmal im Hals steckenbleiben. Der irre Blick, ein erwachsener Mann, der mit Wasser in einem Blechnapf britschelt, um akustisch zu untermalen, wie Macbeth davon erzählt, er habe König Duncan ausbluten lassen.
Am Ende erkennt Macbeth selbst, dass er schuldig ist. Er verlässt den Raum durch eine Tür. Und das Publikum braucht einen Moment um zu begreifen, dass er nicht wieder kommt – und geklatscht werden darf. Applaus hatte die Wahnsinns-Inszenierung in jeder Hinsicht verdient.