Ampfing – Vor einiger Zeit sah der Verfasser bei einer abendlichen Radtour einen Mann an der Isen stehen, in Gedanken versunken, seinen Blick unentwegt auf die schon untergehende Sonne gerichtet, auf die Spiegelungen im Wasser, auf das Gesträuch, auf die Hügel am Horizont. Man konnte beinahe spüren, wie er die Szenerie, die Stimmung, das Farbenspiel in meditativer Betrachtung in sich aufsog. Es war Karl Holzner.
Expressive, farbenstarke Bilder sind aus solchem Erleben hervorgegangen. „Manchmal komme ich Wochen oder Monate nicht zum Malen“, hat Karl Holzner einmal geäußert. „Und dann explodiert die innere Spannung gleich einer Eruption! Das ist dann wie eine Befreiung.“ Da musste es manchmal schnell gehen. Den erstbesten Karton, ja ein Stück Wellpappe, nahm er zur Hand und Farben, die ihm gerade greifbar waren. So sind einige der schönsten Bilder entstanden.
Je öfter Karl Holzner ein Motiv bearbeitet hat, umso abstrakter ist es geworden. „Im Spannungsfeld der Komplementärfarben grün und rot sind viele meiner Bilder angelegt. Dazu häufig noch Ockertöne. Das ist meine typische Farbpalette, mit der ich am liebsten arbeite“, so hat er sein Vorgehen beschrieben.
Holzners Bilder sind von der Kunst Kandinskys inspiriert, auch Kirchner, Nolde und van Gogh standen mitunter Pate. Dennoch war es ein eigenständiges, oft kraftvolles Werk, das Karl Holzner hervorgebracht hat.
Solche Kunst war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. 1938 in Buchbach als Sohn eines Maurers geboren, kam er 1957 nach Ampfing, wo er 1969 seine Frau Anneliese heiratete und mit ihr drei Söhne großzog. Die Lehre zum Kirchenmaler schloss er als Bester ab. Ebenso war er Bester bei der Meisterprüfung als Kirchenrestaurator und Vergolder, die er mit 23 Jahren ablegte. Schließlich absolvierte er ein Studium zum Kunstmaler an der Akademie der bildenden Künste in München bei Professor Hermann Kaspar.
1963 mache sich Holzner als Kirchenmaler, Restaurator und Vergolder selbstständig. Zeitweise beschäftigte er bis zu 16 Mitarbeiter. Rund 150 Kirchen hat er restauriert, darunter die Stadtpfarrkirchen von Mühldorf und Neumarkt-St.Veit, die Gotteshäuser von Flossing, Salmanskirchen und Ampfing. Auch die Restaurierung des Ahnensaales im Kloster Zangberg sowie des Schlachtengemäldes an der Mühldorfer Frauenkirche zählten zu seinen Arbeiten. Besonders ehrenvoll war der Auftrag zur Restaurierung des Hochaltares von Rabenden, einem der bedeutendsten süddeutschen Werke der Gotik.
Alle gängigen malerischen Techniken beherrschte er souverän, in allen Stilrichtungen war er zu Hause. Er konnte aus dem Vollen schöpfen. Die von der Pike auf erlernten Techniken zeigen sich auch in seinen aufwendig gearbeiteten Rahmungen, die eigene Kunstwerke sind und die Gemälde zum Leuchten bringen.
Wiederholt hat Karl Holzner höchst expressive Passionsbilder, auch Kreuzwege gestaltet. Er war sehr religiös. Seine häufigsten Motive aber fand er in der Natur, in Blumen und in Landschaften. In seinem Garten zu arbeiten war ihm eine Leidenschaft. Er liebte die hiesige Gegend, das Voralpenland. Auch nach Südtirol zog es ihn immer wieder. Und dennoch würde man zu kurz greifen, ihn als simplen Blumen- und Landschaftsmaler zu kategorisieren. „Berge und Buckl sind eine Leidenschaft von mir. Das Ineinandergreifen der Bergrücken, die aufgetürmte Landschaft, die grandiose Natur, ein Wunder der Schöpfung. Die innere Struktur, das, was der Landschaft innewohnt, möchte ich darstellen, bevor der Mensch das Wunder zerstört.“
In der Natur erkannte Holzner die Schöpfung. Und diese sah er durch den Menschen bedroht. Sein Anliegen war es, durch seine Bilder Schönheit und Wert der Schöpfung aufzuzeigen. In einer Zeit, in welcher die Vermeidung von Flächenfraß, Schonung der Landschaft sowie die Bewahrung von Artenvielfalt und Natur zu den Topthemen gehören, ist die Kunst Karl Holzners aktueller denn je.
Karl Holzner ist nach längerer Krankheit gestorben, er wurde achtzig Jahre alt.