Wie ein guter Whiskey

von Redaktion

Das Irish Folk Festival hat inzwischen mehr als 40 Jahre auf dem Buckel – und klingt dennoch immer wieder erfrischend anders

Mühldorf – Das Irish Folk Festival gibt es seit mehr als 40 Jahren. Mühldorf steht dabei regelmäßig auf dem Tourkalender. Vor knapp zehn Jahren fand die Veranstaltung noch im Haberkasten statt, heute füllt sie mühelos den Stadtsaal. In diesem Jahr präsentierte sich unter dem Titel „Music knows no borders“ eine gute Mischung aus jungen Musikern und Urgesteinen des Irish Folk.

Den Anfang machten Joanna Hyde und Tadhg Ó Meachair mit einem interessanten Mix aus irischen und amerikanischen Stücken. Das junge Ehepaar präsentiert sich frisch und abwechslungsreich, mit einem „Song for the foxes“, mit dem Liebeslied „Storms are on the ocean“ und einem Stück, das sie nach Tadhg Ó Meachair’s erster Skifahrt geschrieben haben. Zugegeben, die Skipiste sei nicht das „natürliche Habitat“ der Iren, meint Tadhg Ó Meachair. Herausgekommen ist dennoch – oder gerade deswegen – ein toller Song, der sich von langsamen, vorsichtig tastenden ersten Gehversuchen auf Skiern hin zum rasanten Talschuss steigert.

Mit Christy Barry und James Devitt erlebt das Publikum schließlich zwei alte Haudegen des Irish Folk. Die beiden machen seit mehr als 50 Jahren zusammen Musik. Alles begann in einer stürmischen Winternacht, als Irland den wohl schwersten Blizzard seiner Geschichte erlebte. Christy Barry und James Devitt waren mehrere Tage lang in einer Kneipe eingeschneit. Zum Glück hatten sie Fiddle und Flöte dabei. Die beiden spielen das ein oder andere „old piece of music“ an diesem Abend, Stücke, deren Melodien zum Teil Jahrhunderte alt sind und denen man die Schwere der Zeit anhört. Aber auch solche, die beschwingt wie ein Kinderlachen durch den Saal gehen.

Ailie Robertson’s Traditional Spirits nehmen die Zuhörer vor der Pause dann mit auf eine Reise in die Welt des Whiskey. In einem Song-Zyklus hat Ailie Robertson die Entstehung eines echten schottischen Single-Malt-Whiskey vertont. Die Stücke stellen Parallelen zwischen der Whiskeybrennerei und der Irish Folk Music her – beide, so Ailie Robertson, haben lange Traditionen, werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. So schlägt Ailie Robertson zum Beispiel an ihrer Harfe spanische Klänge an, wenn es um die Herkunft der Whiskeyfässer geht. Manche Stücke klingen fast schon nach Jazz. Und nachdem der Brenner im Song „10.000 days and nights“ – also gut 30 Jahre – gewartet hat bis sein Single Malt fertig ist, ist es endlich so weit: Der Whiskey wird ausgeschenkt und der Auftritt endet in einer fetzigen schottischen Whiskey-Party.

Nach der Pause heizen „The Outside Track“ dem Publikum dann so richtig ein. Das Quintett packt bekannte Melodien in ein neues Kleid. Energiegeladen, frisch und voll guter Laune geben sie dem Publikum noch einmal eine ganz neue Perspektive auf Irish Folk Music, ohne dabei ihre Wurzeln aus den Augen zu verlieren – mit Ailie Robertson an der Harfe, der starken Stimme von Frontfrau Teresa Horgan, Mairi Rankin, die aus einer wahren kanadischen Musiker-Dynastie stammt, und Fiona Black am Akkordeon.

Der Höhepunkt eines jeden Irish Folk Festival ist die finale Session, wenn alle Musiker noch einmal auf die Bühne kommen und alles zusammenlegen, was sie gemeinsam zu bieten haben: ihre Stimmen, ihre Virtuosität, Stepptanz und ihre Freude an der Musik. Spätestens da hielt es so manchen Zuschauer nicht mehr auf seinem Sitz.

Brexit der Instrumente

Mehrere hundert Kilogramm irische Schokolade und dazu die empfindlichen Instrumente der Künstler habe er im Lieferwagen von Irland über England zur Tour nach Deutschland gebracht. Petr Pandula, Manager des Irish Folk Festival und Moderator des Abends, warnte das Mühldorfer Publikum, dass das im kommenden Jahr schon ganz anders aussehen könnte. Der Grund: der Brexit. Auf die Schokolade ließe sich ja wohl verzichten, aber auf die Instrumente?

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