Waldkraiburg – „Bin ich langsamer geworden, oder ist alles um mich herum schneller?“ Die Frührentnerin Anne (Claudia Rieschel) steht mit dem Rücken zur Wand – finanziell wie privat. „Ich hab‘s nicht eilig“, lamentiert sie weiter. In keinem Moment eilig hatte es auch das restlos begeisterte Publikum in der Komödie „Wir sind die Neuen“, die von der Komödie am Kurfürstendamm aus Berlin im Haus der Kultur zur Aufführung gebracht wurde. Denn, was da geboten war, hätte ruhig noch länger dauern dürfen – Theater vom Feinsten, Schauspiel auf höchstem Niveau, intelligenter Text mit Witz und Tiefgang, ein Gesamtpaket, das daran erinnern lässt, was die Anziehungskraft guter darstellerischer Kunst ausmacht.
Martin Woelffers Theaterfassung von Ralf Westhoffs gleichnamigem preisgekröntem Film kann sich sehen lassen. Sie zeichnet in Tiefen und Untiefen einen faustdicken Generationenkonflikt nach. Dabei schafft sie in einem simplen und doch genialen Szenenaufbau, was mancher Film vermissen lässt. Wobei Woelffes ideenreiche Inszenierung eben auch von der Idealbesetzung der „jugendlichen“ und „ältlichen“ Charakterrollen lebt: Der Alt-68er Anne ist das Leben zu teuer und einsam geworden, also versucht sie, ihre alte Studenten-WG wiederzubeleben. Tatsächlich befinden sich zwei „Ehemalige“, wie sich herausstellt, im selben Dilemma, sodass einem (alters-)zweckgemeinschaftlichen Zusammenschluss als Dreiergespann nichts im Wege steht. Mit (immer noch) Lebemann Eddie (Winfried Glatzeder) und dem etwas einfältigen Johannes (Siegfried Kadow) soll es nun in eine neue, lustigere, wenn auch finale Lebensphase gehen.
Doch bei der ersten Begegnung mit drei jungen Mitbewohnern, einer Studenten-WG, die ein Stockwerk höher wohnt, wird der Optimismus gedämpft und weicht schierem Entsetzen: Die „Jungen“ – Thorsten (Eric Bouwer), Katharina (Luise Schubert) und Barbara (Annalena Müller) sind „alt“, spießig, bissig, geplagt von Zwangsneurosen, leiden unter massivem Putzfimmel und wollen auf gar keinen Fall „falsche Erwartungen“ wecken. Im Klartext: keine Hilfe. Keine Apothekengänge oder Einkäufe – am besten gar kein Kontakt, erst recht keine Kennenlernparty mit der „Tattergreis-WG“, stattdessen absolute Ruhe zum Lernen. „Die sind seltsam erwachsen“, stellt Anna fest.
Fronten prallen aufeinander, man startet in ein unerbittliches Gefecht verkehrter Bedürfnislagen – Jung gegen Alt. Die Alten „feiern“ rücksichtslos bis in die Nacht, die Jungen rächen sich mit Besenstielattacken und grauenvoller Musik, die Tote wecken könnte. Doch bald schon spürt man, dass die Alten in der stärkeren Position sind, die Jungen immer dünnhäutiger und schließlich gar selbst hilfsbedürftig werden. Das Burnout-Syndrom schlägt zu, der Kühlschrank ist leer und die jungen Bandscheiben von Thorsten geben auf. Hexenschuss, Liebeskummer und „prä-examinale“ Endzeitstimmung. Eine Chance der Annäherung á la Mehrgenerationenhaus?
Schleichend ändert sich der Tenor, das Stück verliert an Tempo, die Gehässigkeiten weichen echtem Mitgefühl. Fazit – Alt hilft Jung, in Sachen Psycho- und Physiotherapie, Lernhilfe und sogar mit Hochprozentigem zum Runterkommen und verpasst den „Grünen“ zugleich ein Förderprogramm in Sozialkompetenz mit heilsamer Wirkung. „Wir sind die Neuen“ mutiert zu „Wir sind die neuen Jungen“, die Zukunft lädt schließlich die Vergangenheit zum Feiern ein. Ende gut, alles gut.
Hoffnung keimt auf bei diesem versöhnlichen Schluss, zu dem der Song „Let the sun shine in“ trefflich passt und wenn man schon beim (Mit-)Klatschen ist, dann kann sich das schon mal über Minuten und mehrere Vorhänge hinziehen. Schade, dass da keine Zugabe ging, trotz der Beifallsstürme. Aber eigentlich war die ganze Vorstellung eine „Zugabe“ des Lebens – oder des Lebens, wie es sein könnte.