Mühldorf – Auf der Bühne macht ihnen in Sachen Streitkultur so schnell keiner was vor. In „Gleich knallt‘s!“ alias „Das Geld liegt auf der Fensterbank Marie“ nehmen Wiebke Eymess und Friedolin Müller den roten Faden aus ihrem vergangenen Programm wieder auf: Sie wollte aufs Land, er nicht. Jetzt wohnen sie auf dem Land. Er murrt, sie hätte gerne Idylle á la Landlust, aber die Realität ist ernüchternd. Der Umzug in das Kaff wäre aber wohl niemals passiert, hätte er ihr nicht ein Abo der „Landlust“ geschenkt: „Das ist eine Art Pornoheft für Frauen, mit einem Kürbis als Playmate!“ Ganz wunderbar entblättern sie daraufhin ihr Dorfidyll, in dem es statt einer Bäckerei aufgebackene Backrohlinge aus China an der Tankstelle zu kaufen gibt.
Und dann ist man auch schon mitten drin im Pärchenkosmos der beiden Hannoveraner. Wobei der Spruch mit dem Kürbis für ihn eher ungewöhnlich ist. Auf der Bühne ist sie die eher Schroffe, die gerne mal süffisante Anzüglichkeiten vom Stapel lässt. Sie nennt ihn „Pussy“ und lässt das Publikum jedes Mal, wenn sie sich schneuzen muss, sagen: „Heul doch“. Er hingegen bedient die intellektuelle Seite, weiß gerne alles besser und zaubert ohne Vorwarnung verschachtelte Sätze gespickt mit Soziologenvokabular hervor.
Was auf den ersten Blick nach seichter Unterhaltung klingt, hat überaus gesellschaftskritische Facetten. Sie inszenieren im astreinen Hochdeutsch den Untergang des Planeten, den selbstverschuldeten Kollaps der Erde. Es geht um die Verschmutzung der Meere mit Plastik, um die Wegwerf- und Konsumgesellschaft bis hin zum Bienensterben und dem Ende der Biodiversität. Die Diskussion darüber, dass eine Betonmauer ökologisch wertvoller ist als Kirschlorbeer, auf dem kein Insekt überleben kann, folgte „Stumm, stumm, stumm, kein Bienchen summt herum“. Sie greift beherzt zur Ukulele, zum Minikeyboard und zur Konzertina, er spielt Gitarre. Selbstredend nehmen auch die leisen, zunächst romantisch anmutenden Lieder einen düsteren Verlauf. So etwa in dem Titel Smartphonie: „Ich weiß, du wirst mich immer lieben, aber nie so viel wie dein iPhone 7.“ „Schatz, vergleiche dich doch nicht mit einem Smartphone der neuesten Generation.“
Am besten ist ihr Paargeplänkel immer dann, wenn er in ihre Gedankenwelt eintaucht, weil ihr wieder nicht die richtigen Begriffe einfallen. So hangelt er sich entlang an ihren konfusen Eselsbrücken, die über den Namen des Forschungsschiffes von Charles Darwin „Beagle“ zur Hunderasse „Beagle“ und schlussendlich zum Gebäck „Bagel“ führen. Manchmal wünscht er sich, sie würde schweigen wie eine Topfpflanze und ihm nur die Quintessenz ihrer Gedanken mitteilen.
Die beiden schaffen den Spagat zwischen gesellschaftskritischen Themen und dem Privaten und entspinnen dabei wunderbar verschrobene Dialoge. Politik fängt eben immer in den eigenen vier Wänden an. So werden smarte Wortspiele und Politisches verquickt mit Gefühlswelten, in denen Paare so reinrutschen. „An Scheidung habe ich nie gedacht. An Mord ja, aber nicht an Scheidung!“ betont Friedolin Müller. Und so frotzeln und streiten sie, sagen Sätze, nach denen sich normale Paare vorm Scheidungsanwalt wiederfinden würden.
Bei ihnen ist Zuhören angesagt, es ist charmante Unterhaltung, Entertainment statt Schenkelklopfer. Mit melancholisch-traurigen Gedichten und Liedern, die eine ganz eigene Komik entfalten, unterhalten sie, ohne laut zu werden.