Narziss unter Narzissten

von Redaktion

„Das Bildnis des Dorian Gray“ am Theater Wasserburg

Wasserburg – Die zeitgenössische Adaption von Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ am Theater Wasserburg lieferte einen brillanten Einblick in die dunklen Seiten einer selbstverliebten Erlebnisgesellschaft. Deren Protagonist Dorian Gray opfert für das Streben nach ewiger Jugend und Schönheit seine Seele.

Selten passt eine historische Romanfigur so gut in unsere Zeit. Regisseur Frank Piotraschke hat in seiner Inszenierung des Dorian Gray die Spielhandlung von der viktorianischen Zeit in die Gegenwart verlegt. Hier konkurrieren eine multimediale Reizüberflutung mit dem Kult um die ewige Jugend. Geblieben ist in dieser postfaktischen Gesellschaft die andauernde Suche nach Lust und Sinnlichkeit.

Der junge Dorian Gray verfällt auch diesen Einflüssen, als er Lord Henry Wotton, einem intellektuellen Lebemann und Freund des erfolgreichen Malers Basil Hallward begegnet. Dorians sehnlichster Wunsch geht auf magische Weise in Erfüllung. Im Zenit seiner Schönheit stehend altert er nicht mehr, obwohl sein Leben immer ausschweifender wird. Stattdessen altert sein von Basil gemaltes Porträt. Schon bald zeigt es auch die Charakterzüge eines fortschreitenden moralischen Verfalls. Der mit äußerlicher Schönheit gesegnete Dorian wird zu einem Verfluchten, der das Bild mit seinem tatsächlichen Wesen auf dem Dachboden verbergen muss.

Eine faszinierende Solodarstellung

Bernd Berleb verkörperte in einer faszinierenden Solodarstellung sämtliche Rollen im Stück. Wie sein literarisches Vorbild thematisiert es Anmut, Jugend und Dekadenz. Es zeigte einen narzisstischen Dorian Gray in einer nicht weniger narzisstischen Gesellschaft.

Sein Mentor Lord Henry Wotton erzählte das tragisch endende Mysterium aus seiner Sicht. Als Moderator in einem Sendeformat zwischen Talkshow und Reality-TV versuchte Wotton, Licht ins Dunkel zu bringen. Jede Art Verantwortung für Dorian Grays Hedonismus lehnt er aber ab.

Weitere bekannte Figuren aus Oscar Wildes Schlüsselroman kamen in diversen Video-Reportagen zu Wort. Sie schilderten jeweils ihre Sichtweise der Dinge. Da war unter anderem Mr. Isaacs. Der Direktor eines drittklassigen Theaters wollte schon früh das tödliche Scheitern der Verlobung seines Stars Sybil Vane mit Dorian erahnt haben. Auch Sybils Mutter, eine am Theater beschäftigte Toilettenfrau, und ihr fitnessgestresster Bruder James wollten im Nachhinein das drohende Unheil vorausgesehen haben. Und Basil Hallward, der die Entdeckung von Dorians Geheimnis ebenfalls mit dem Leben bezahlte, war ohnehin von Anfang an gegen diese Verbindung. Allerdings war diese Ablehnung nicht ganz ohne Eigennutz, da Sybil Basils Pläne mit Dorian durchkreuzt hatte.

Mit geschickter Wandlungsfähigkeit verlieh Bernd Berleb jeder der Figuren Authentizität. Bemerkenswert war auch die passgenaue Abfolge zwischen der Bühnenhandlung und den Videoeinspielungen, die auf vier im Raum schwebenden Projektionstafeln gezeigt wurden.

Das Publikum honorierte die außergewöhnliche Inszenierung und Berlebs grandioses Schauspiel zurecht mit einem Riesenbeifall.

Weitere Termine

Weitere Vorstellungen sind am morgigen Samstag, 15., Dezember (20 Uhr) und am Sonntag, 16. Dezember (19 Uhr). Mehr Infos sowie Karten gibt es über www.theaterwasserburg.de.

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